Keiner will in Willy Brandts Villa wohnen

Seit 1998 steht die Villa auf dem Venusberg leer - Die Familie Brandt lebte dort acht Jahre - Schröder war der letzte Mieter - Der Bund will das Anwesen für 1,8 Millionen Euro verkaufen

Bonn. Ein massives Stahlgitter, zwei Fahnenmaste und eine - inzwischen zugewachsene - Überwachungskamera lassen erahnen, dass auf dem Grundstück Kiefernweg 12 kein normales Haus steht. So verwundert es denn auch nicht, dass man ein Namensschild an der Schelle vergebens sucht. Ein altes Telefonbuch sowie Unrat im Briefkasten deuten derweil darauf hin, dass hier seit Längerem keiner mehr "zu Hause" ist.

Dieser Eindruck verstärkt sich auf der Rückseite des Anwesens, die an einen schmalen Waldweg längst der Auferstehungskirche grenzt. Dort entdeckt man zunächst eine verfallene Holzbaracke, einst Unterkunft der Sicherheitsbeamten. Geht man durch das verrostete Eisentor, das ein Nachbar mit einem Fahrradschloss gesichert hat, wird der Anblick noch trauriger: Die Wege sind überwuchert, die Steinplatten glitschig, der Gartenpavillon verkommen: Dass in dieser Villa einst Polit-Größen einschließlich der Bundeskanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder wohnten - darauf deutet nichts (mehr) hin. Seit fast sechs Jahren bemüht sich das Bundesvermögensamt, das Anwesen zu verkaufen. Vergeblich. Nun wurde eine Bonner Maklerin eingeschaltet. "Vielleicht hat die mehr Glück", sagte ein Sprecher des Amtes dem GA.

Das zweieinhalbgeschossige Landhaus mit 950 Quadratmetern Wohnfläche hatte der Bonner Architekt Wilhelm Denninger 1938 für den Kaufmann Heinz Blömer gebaut. 1952 kaufte es das Land Nordrhein-Westfalen, baute es um und stellte es dem damaligen SPD-Parteivorsitzenden Kurt Schumacher und seiner Mitarbeiterin, der späteren Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, als Wohnhaus zur Verfügung. Sechs Jahre später ging die Villa samt des 10 000 Quadratmeter großen Parks in den Besitz des Auswärtigen Amtes über. Zunächst zog Außenminister Heinrich von Brentano dort ein, später auch seine Amtsnachfolger Gerhard Schröder (nicht verwandt mit dem jetzigen Kanzler) und Willy Brandt, der auch als Bundeskanzler im Kiefernweg blieb - samt seiner Familie. Nach Ende seiner Amtszeit, 1974, wurde die Villa als Gästehaus des Auswärtigen Amtes genutzt, ehe Bundeskanzler Gerhard Schröder im Herbst 1998 dort für einige Zeit wohnte.

Später, als Helmut Kohl den Kanzlerbungalow räumte, verlegte der Regierungschef seinen Wohnsitz an den Rhein. Seitdem ist das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Gebäude verwaist. In regionalen und überregionalen Zeitungen, aber auch via Internet hat das Bundesvermögensamt mehrfach versucht, einen Käufer zu finden. "Die Villa ist für eine normale Nachnutzung nur bedingt nutzbar", sagte der Amtssprecher. Will heißen: Das Haus mit seinen drei großen Empfangsräumen, Salon, Speisesaal, Großküche, mehreren Wohn-, Arbeits- und Schlafräumen plus Bädern ist für Otto Normalverbraucher eher nicht die richtige Adresse. Und der Preis wohl auch nicht kompatibel mit seinen Ersparnissen: Für 1,8 Millionen Euro bietet der Bund die Liegenschaft an.

Der Amtssprecher: "Unsere Schmerzgrenze liegt bei 1,5 Millionen Euro; die wollen wir schon haben." Nach seinen Angaben unternimmt nun eine Maklerin erneut einen Anlauf, die "Brandt-Villa" zu verkaufen. Zuvor soll aber noch der Garten "schön hergerichtet" werden; der Auftrag an die Gartenbaufirma werde in diesem Monat vergeben. In den vergangenen Jahren sei die Bausubstanz stets geprüft worden, versichert er. Gleichwohl: Dem äußeren Anschein nach muss noch eine nicht unbedeutende Summe investiert werden, um die Villa samt Gartenpavillon - er steht auch unter Denkmalschutz - wieder bewohnbar zu machen. Und da ist noch der Marder, der im Dach sein Unwesen treibt und dort bereits Schäden angerichtet hat . . .

Am 17. September 2002 stand das Haus Kiefernweg 12 zum letzten mal im Scheinwerferlicht - im wahrsten Sinne des Wortes: Brandt-Sohn Matthias, der dort aufgewachsen ist, spielte in dem an zahlreichen Original-Schauplätzen gedrehten Film "Im Schatten der Macht" den DDR-Spion Günter Guillaume, der den Rücktritt seines Vaters auslöste.

Der letzte machte dann das Licht aus. Dabei blieb es. Bis heute.