Zuwanderungsexperte Jochen Welt

"Keine Integration zum Null-Tarif"

Bonn. Mit deutlichen Worten mischt sich die Otto Benecke Stiftung in die Flüchtlingsdebatte ein. "Die EU ist zu lange vor dem Problem der ungeregelten Zuwanderung aus den Balkanstaaten abgetaucht", kritisiert Geschäftsführer Jochen Welt.

Er fordert Bleibehilfen, damit Südosteuropäer ihre Heimat nicht verlassen, sowie einen radikalen "Talent-Check" bei Asylbewerbern, die in Deutschland ankommen. Mit ihm sprach Jasmin Fischer.

Geht Deutschland mit den ankommenden Flüchtlingen richtig um?
Jochen Welt: Nein. Wir benötigen die Umkehr von einem auf Abwehr ausgerichteten Asylverfahren zu einem potenzialorientierten Prüf- und Aufnahmeverfahren. In den Erstaufnahmestellen werden zurzeit ja nur Dinge wie Herkunft oder Geburtsdatum abgefragt. Wir brauchen aber einen "Talent-Check", müssen erheben, ob die Flüchtlinge ein Handwerk gelernt haben oder studieren könnten. Viele Syrer etwa sind bereits akademisch fortgebildet. Ihr Potenzial wird durch das derzeitige Prozedere verschüttet. Sie werden Monate und Jahre in Heimen verbringen, ohne einer Ausbildung oder gar Beschäftigung nachgehen zu können.

Was wäre die Lösung?
Welt: Potenziell anerkennungsfähige Asylbewerber erhalten eine "Talent-Card", die sie zur Teilnahme an beruflichen Vorbereitungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen berechtigt. Es gibt von Anfang an Deutschkurse. Je schneller sie arbeiten, desto eher versorgen sie sich und ihre Familien selbst und werden nicht kriminell oder anfällig für Salafisten, die längst Kontakte in Asylbewerberheimen knüpfen. Sie würden rasch eine echte Wertschöpfung leisten.

Angesichts steigender Flüchtlingszahlen kann das eine teure Investition werden ...
Welt: ... aber eine, die sich schnell in Form steigender Steuereinnahmen und rückläufiger Transferleistungen bezahlt macht.

Wo sollen die Flüchtlinge denn arbeiten?
Welt: Mit entsprechender Hilfe als die Fachkraft, die sie auch in der Heimat waren. Jüngere können wir vielleicht fürs Handwerk gewinnen, wo schon jetzt Azubi-Mangel herrscht. Ich denke aber auch an ländliche Gebiete, in denen Ärzte, wenn sie in Ruhestand gehen, keinen Nachfolger finden. Zugewanderte Ärzte könnten diese Lücke schließen. Auch im Pflegebereich gibt es ja diese Lücken.

Würde man mit diesem System nicht noch weitere, größere und falsche Anreize für Flüchtlinge schaffen, den gefährlichen Weg nach Deutschland auf sich zu nehmen?
Welt: Selbst eine abschreckende Aufklärung wird den Großteil der Betroffenen ja nicht von der riskanten Flucht abhalten. Nötig ist aber natürlich eine Art Marshall-Plan für den Balkan, wo der größte Teil der Flüchtlinge herkommt, obwohl dort kein Bürgerkrieg herrscht. In Ländern wie Mazedonien, Serbien, dem Kosovo, Albanien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina müssen wir helfen, dass Menschen sich selbst Wohnraum und Infrastruktur erschaffen - gern in Zusammenarbeit mit dem deutschen Handwerk, das bereits Interesse bekundet hat. Wir müssten in den Schwellenstaaten auch Ausbildungszentren errichten, Kleinkredite an Existenzgründer vergeben. Ausreisewillige sollten vor Ort von Experten beraten werden, die wissen, was sie in Deutschland erwartet, so dass sie sich nicht Schleppern auf den Leim gehen. Das Ganze ist natürlich keine Aufgabe, die Deutschland allein bewältigen kann. Da ist die ganze EU gefragt. Aber Konzepte gibt es längst - auch von der Otto-Benecke-Stiftung.

Die Probleme auf dem Balkan sind nicht neu.
Welt: Das ist ja der eigentliche Skandal! Wir leben im gemeinsamen Haus Europa, in dem es seit Jahren eine Etage mit großem Leid, korrupten Politikern und keinen Zukunftsperspektiven gibt - und das ist lange toleriert, verdrängt und unbekämpft geblieben. Die Flüchtlingswelle ist durch unsere Unterlassung, durch konzertierte Untätigkeit, entstanden. Für den Kosovo etwa sollte es nach Ende des Jugoslawienkrieges extensive Aufbauhilfe geben - außer Sonntagsreden ist bis heute nichts passiert.

Zurück zu den Kosten für Qualifizierungsmaßnahmen für Asylbewerber in Deutschland: Mit wie viel Geld rechnen Sie? Wie viel Geld brauchen Sie?
Welt: Integration funktioniert nicht zum Null-Tarif. Dazu ein aktuelles Beispiel: Für die Sprachförderung von akademisch vorgebildeten Flüchtlingen standen zum Jahresbeginn vier Millionen Euro zur Verfügung. Im Mai war das Geld für 2015 bereits ausgegeben. Dankenswerterweise steuerte der Haushaltsausschuss des Bundestages 3,2 Millionen zusätzlich bei. Aber bereits jetzt ist klar, dass das Geld nur bis zum Monatsende reicht. Viele Aspiranten stehen auf der Warteliste, hängen rum. Nun hat uns Kunde erreicht, dass der Finanzminister einen auf zehn Millionen Euro erhöhten Ansatz des Fachministeriums wieder gestrichen und auf 3,2 Millionen Euro gekürzt hat. Eigentlich bräuchten wir 13 Millionen Euro, um den Bedarf zu decken. Ein Aufnahmeverfahren, das sich an den Potenzialen der Flüchtlinge orientiert, sieht anders aus.

Sie klingen wie ein einsamer Rufer in der Wüste.
Welt: Ich wünschte mir, es wäre anders. Deutschland braucht dringend ein Einwanderungsministerium, das sich um nichts anderes als Integration und Zuwanderung kümmert und dabei auch über das notwendige Geld verfügen kann.

Zur Person

Jochen Welt (68) ist seit 2014 Geschäftsführer der Bonner Otto Benecke Stiftung e.V. Der Sozialwissenschaftler kommt aus Recklinghausen, wo er lange Jahre Bürgermeister und SPD-Bundestagsabgeordneter war. Von 1998 bis 2004 arbeitete Welt als Beauftragter für Aussiedler und nationale Minderheiten. Die Otto Benecke Stiftung hat seit ihrer Gründung 1965 400.000 zugewanderte Studienbewerber und Akademiker durch Sprach- und Abiturlehrgänge gefördert.