Juden und Christen feierten gemeinsam

Ein Modell der Oberdollendorfer Synagoge haben Karl und Olaf Schumacher erstellt. Als Vorlage nutzten sie einen aufgespürten Lageplan und Fotofragmente.

OBERDOLLENDORF. Von ihr existiert nicht einmal mehr ein Foto. Auf den Tag vor 140 Jahren wurde die Synagoge an der Heisterbacher Straße eingeweiht. Von den Nationalsozialisten wurde sie 1938 dem Erdboden gleichgemacht.

Am 5. April 1872 aber "kamen Juden und Christen aus Nah und Fern" nach Oberdollendorf, wie die "Zeitung des Judenthums" berichtete. Im Festzug ging es vom alten Betsaal zu dem neuen Domizil. Die Häuser an den Straßen waren von den christlichen Bewohnern aus diesem Anlass geschmückt, stellte damals das in Leipzig erscheinende Blatt anerkennend heraus.

Nur der eingeladene Landrat sagte aus dienstlichen Gründen seine Teilnahme ab. Zwei Tage lang wurde gefeiert. Zum Abschluss gab es im Park von Weingut Sülz einen Ball. Das Anwesen gehörte damals dem jüdischen Fruchthändler David Cahn.

Lucia Leubsdorf hatte der kleinen Synagogengemeinde Oberdollendorf 3000 Reichstaler hinterlassen. Mit dem Vermächtnis, mit diesen Mitteln eine Synagoge zu errichten. Der Vorsteher der Gemeinde, Samuel Süskind, sollte dafür Sorge tragen. Durch lange Auseinandersetzungen mit der Nachlassverwaltung vergingen aber sechs Jahre seit dem Tod der Witwe 1865, ehe ein Grundstück erworben werden und der Bau beginnen konnte.

Bei der Einweihung war die Freude über das neue Bethaus groß. Die offensichtlich die Oberdollendorfer Christen mit den jüdischen Mitbürgern teilten. Sie gehörten dazu. Jakob Apfel gründete beispielsweise etwas später die Sankt-Hubertus-Schützengesellschaft mit, war Präsident und König. Noch 1932 wurde Paul Süskind ebenfalls Schützenkönig. Der Geheime Regierungsrat Ottmar E. Strauss half nach dem Ersten Weltkrieg mit seiner Stiftung vielen notleidenden Dollendorfern. Da stand das Bethaus bereits jahrzehntelang unbeschadet.

Bei der Synagoge handelte es sich um einen rechteckigen Backsteinbau. Die Eingangstür mit Rundbogen lag zur Straße, darüber ein großes Rundbogenfenster. Das ähnelte laut Zeitzeugen den Fenstern an den Langseiten und sollte Licht in die Frauenempore bringen. An der Rückseite waren zwei Rundfenster eingebaut, auch Okuli genannt.

Das Dach war mit Blauschiefer eingedeckt. Darauf befand sich ein Davidstern. Speziell für die Ausstellung über jüdisches Leben im Brückenhofmuseum baute Karl Schumacher ein Modell der Synagoge, die dort stand, wo sich jetzt das Media-Center befindet.

Noch nicht am 9. November 1938 zu Beginn des Pogroms, sondern in der Nacht vom 10. auf den 11. November kam es zur versuchten Brandstiftung. Die gesamte Inneneinrichtung wurde zerstört. Die Straße vor dem Gebäude war mit Papierfetzen der Thorarolle übersät. Im Jahr darauf wurde das Bethaus von einem Abbruchunternehmen abgerissen, das Areal von einer Pension als Garten genutzt.

Erhalten sind lediglich eine blaue Vase und ein Gebetbuch, das in einer Oberdollendorfer Scheune gefunden wurde. Die Vase soll von der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Laurentius für eine Prozession ausgeliehen und dadurch gerettet worden sein.

Der Satz aus der Weiherede des Rabbiners Wolfssohn aus Aachen 1872 war leider nicht in Erfüllung gegangen: "Möchten die brausenden Wellen des herrlichen Rheinstroms, an dessen Ufern rechts und links in finsteren Zeiten die Bekenner Israels gar oft geächtet und geknechtet wurden, ferner Liebe und Frieden tönend, bei aller Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses dahinfließen."

Seit 1981 erinnert eine Gedenktafel an der Heisterbacher Straße 116a an die jüdischen Mitbürger, die durch Gewaltherrschaft ums Leben gekommen sind - und an die Synagoge.