Im Wahnbachtal taucht die Erinnerung auf

Der um 14 Meter gesunkene Wasserspiegel gibt alte Höfe, Straßen und Brücken frei

Siegburg. "Es kommen viele Erinnerungen wieder hoch, und es ist für mich heute so, als besuche man gute Freunde." Zehn Jahre alt war Erika Potratz, als sie mit ihrer Familie das Wahnbachtal verlassen musste. 53 Jahre später stand die 63-Jährige am Mittwoch wieder dort, wo sie als Mädchen ihre erste Limonade getrunken hat: an der Lüttersmühle.

Seit der Wahnbachtalsperrenverband (WTV) vor einigen Wochen zwecks Sanierung der Staumauer den Stöpsel gezogen hat, sinkt der Wasserspiegel rapide und lag am Mittwoch 14 Meter unter dem sonst üblichen Pegel. Und auf dem Grund tauchen die Reste alter Häuser, Straßen und Brücken auf. Sie versanken in 20 Millionen Liter Wasser, nachdem der WTV am 20. Dezember 1956 die Absperrklappen im Damm schloss, und der Wahnbach die damals neue Talsperre speiste.

Da die Staumauer saniert werden muss ( der General-Anzeiger berichtete), werden bis Ende des Monats 34 der 41 Millionen Kubikmeter Wasser aus der Talsperre in die Sieg abgeflossen sein - und so manches alte Bauwerk taucht aus den Fluten wieder auf.

Zum Beispiel die Lüttersmühle. 1645 erstmals erwähnt, war die Getreide- und Ölmühle bis 1803 abgabepflichtig gegenüber dem Menoritenkloster in Seligenthal. Mit dem später als Gaststätte genutzten Gebäude verbindet Erika Potratz eine süße Erinnerung: "Hier habe ich meine erste Limonade getrunken."

Zu sehen, was der etwa ein Meter pro Tag sinkende Wasserpegel inzwischen schon freigegeben hat, ist auch für Norbert Eckschlag "aufregend, schließlich ist das die erste und wohl auch letzte Talsperre, bei der ich so etwas mache". Der WTV-Geschäftsführer führte am Mittwoch eine Exkursion an zu einigen im Wortsinn aufgetauchten historischen Bauwerken.

Mit bloß noch 18 Millionen Kubikmeter Wasser ist die Talsperre gefüllt, knapp acht Millionen dürfen es jedoch nur noch sein, bevor der Damm eine neue Außenhautabdichtung aus Asphalt bekommt. Geplant ist laut Eckschlag, dass die zwei Millionen Euro teuren Arbeiten bereits Ende August fertig sind, "und die Talsperre nach dem Winter wieder voll ist". Derweil stellten die beiden Grundwasserwerke in Meindorf und im Hennefer Siegbogen die Versorgung mit Trinkwasser sicher.

Trocken gelegt sind inzwischen nicht nur die Fundamente der Lüttersmühle, die der WTV 1956 dem letzten Müller Josef Küpper für 239 438 Mark abgekauft hatte. Gut zu erkennen ist unmittelbar neben der Mühle auch die alte Brücke, die auf die alte Wahnbachtalstraße führte. Auch deren Trasse, die sich einst von Kaldauen nach Much schlängelte, ist wieder zu sehen.

Nur rund 300 Meter von der Lüttersmühle entfernt, sind auf einem Hügel die Reste des Hofes Hillenbach auszumachen. Landwirt Wilhelm Hover hatte dort einen Holzhandel und einen Steinbruch betrieben. Bald zu sehen sein werden die Bogenbrücke über den Derenbach und der Petershof, ein laut WTV-Chronik 1933/34 vom Bonner Kaufmann Peters errichtetes landwirtschaftliches Anwesen.

Für Erika Potratz hat der Petershof, der auf dem Areal der vor einem halben Jahrhundert untergegangenen Hoffnungsthaler Hütte stand, besondere Bedeutung: In dem damals fast "menschenleeren Tal" hatte die heutige WTV-Mitarbeiterin bis 1955 gelebt, ehe sie mit ihrer Familie und "viel Wehmut" nach Kaldauen umziehen musste.

Warnung

Wer sich die auf dem Grund der Talsperre aufgetauchten Reste von Gehöften und Brücken aus nächster Nähe anschauen will, läuft Gefahr, im Schlamm zu versinken. Zwar trockne die obere Schicht ab, darunter bleibe aber eine morastige Sedimentschicht. Zudem könnten Schaulustige an den steilen Böschungen abstürzen.

Der WTV weist darauf hin, dass die Wahnbach- eine Trinkwassertalsperre ist. Mithin ist ein direkter Zugang zum Stauraum auch während der Sanierungsphase nicht zulässig. Die möglichen Wege, die rund um den See führen, erstrecken sich auf die öffentlich zugänglichen Landwirtschafts- und Forstwege außerhalb der ausgeschilderten Wasserschutzzone I. Wer sich innerhalb dieser Zone bewegt, gefährdet das Trinkwasserreservoir, das in der Region rund 800 000 Menschen mit Wasser versorgt.

Auch das Betreten des Damms sowie der Dammkrone ist während der Sanierung, bei der eine sechs Zentimeter dicke Asphaltschicht aufgetragen wird, verboten. Um Ausflüglern dennoch einen Blick auf den trocken gelegten See zu ermöglichen, werden beiderseits der Staumauer Aussichtspunkte errichtet.