Im Honnefer Hölterhoffstift lebten einst mittellose Damen

Physiker statt feine Fräuleins - Heute treffen sich dort Wissenschaftler und testen den Flug der Eier

Bad Honnef. Til Schweiger gingen fast die Worte aus. Der Filmstar verweilte wie verwurzelt auf der breiten Rasenfläche zwischen der hohen, schmiedeeisernen Umfriedung und dem imposanten Kasten aus rot-braunem Sandstein. Bat schließlich um Erlaubnis, das Gebäude mal von innen anzusehen.

Und dann sauste der Schauspieler los, über schmucke Fliesen, an alten Möbeln und einer Standuhr vorbei, die Marmortreppen hoch bis unters Dach und rief nur noch: "Geil, geil, geil." Bei diesem Ausdruck hätten sich die vornehmen Stiftsdamen sicher konsterniert weggedreht. Aber die feinen Fräuleins gibt es ja längst nicht mehr in dem Haus an der Hauptstraße Nummer 5.

Til Schweiger hat sich dann doch wohl einen anderen Drehort ausgesucht. Aber das Hölterhoffstift steht auch so oft genug im Scheinwerferlicht. Für den "Tatort" etwa war die malerische Villa wieder einmal Irrenanstalt. Bei den Dreharbeiten schlenderten Physiker mit der Kaffeetasse in der Hand um die Ecke, um eine Tagungspause einzulegen. Schon wollte sie einer vom Filmteam vertreiben, da hielt ihn der Regisseur zurück: "Stopp, die passen perfekt ins Bild!"

So kamen die Wissenschaftler zu einer Statistenrolle. In Wirklichkeit sind sie natürlich die Hauptpersonen in diesem ehrwürdigen Gebäude, das seit 1976 als Physikzentrum der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) dient. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Victor Gomer, promovierter Physiker und wissenschaftlicher Sekretär des Zentrums, einer Filmcrew die Hochburg der Wissenschaft gern für einen Streifen über eine junge, begabte Kollegin als Kulisse überließ.

Wen die Fassade des Bauwerks neugierig macht, hat durchaus Chancen, das Innenleben kennenzulernen. Denn die DPG öffnet allen Interessierten die Tür zu diesem Domizil mit Charakter. Der wohlhabende Honnefer Kaufmann Otto Hölterhoff hatte 1897 sein gesamtes Vermögen, mehrere Millionen Goldmark, der Universität Bonn vermacht, damit diese an der Honnefer Hauptstraße ein "Erz und Stein überdauerndes Denkmal" für seine früh verstorbene Gattin Elly Böcking errichte und darin eine Stiftung verwalte.

Diese sollte alleinstehenden und mittellosen, gebildeten Damen der gehobenen Bonner Kreise, nicht unter 30 und nicht über 40 und mit tadellosem Ruf, ermöglichen, ein standesgemäßes Leben zu führen. Im Gegenzug hatten die Fräuleins junge Mädchen in der ebenfalls eingerichteten Haushaltsschule zu unterrichten.

1906 konnte das Anwesen bezogen werden. Für 1,5 Millionen Goldmark war es nach den Plänen des Architekten Gustav Jänicke aus Berlin erbaut worden. Schon bald bevölkerten 23 Schülerinnen in hellen Waschkleidern und mit weißen Häubchen das vornehme Haushaltspensionat. Die Stiftsdamen wohnten in dem größeren Teil des Gebäudes, der geschickt und mit herrlicher Terrasse an den Schultrakt gekoppelt ist. Überhaupt gibt es gleich mehrere Flächen zum Sitzen unter freiem Himmel bei einem Traumblick in den Park. Da passiert es dann schon mal, dass tagende Industrie-Physiker aus luftiger Höhe ihren Landeapparat für rohe Eier testen. Zweimal war es Omelett.

Hätten die Wissenschaftler doch damals schon den Lotuseffekt perfektioniert, dann hätten es die Stift-Schülerinnen einfacher gehabt beim Putzen und Waschen. Unten im Keller, da wo die Mädchen bügelten, entstand eine Bürgerstube, wo die Physiker sich abends vom konzentrierten Arbeiten erholen. Im einstigen Musikzimmer befindet sich der gediegene Begrüßungsraum. Im Refektorium für die Stiftsdamen nehmen die Tagungsteilnehmer ihren Kaffee. Wo originale Fliesen der Lehrküche blitzen, tafeln heute die Wissenschaftler.

Es sind auch die Kleinigkeiten, die den Charme ausmachen. Die Stuckelemente, die Figuren, die mit einem Muster geprägten Heizungen oder komplizierte Schiebefenster. Die Physiker schätzen dieses Haus mit seiner Rundumbetreuung. Hierher kommen Nobelpreisträger, Studenten aus der ganzen Welt zu den Sommerschulen, Lehrer zu Fortbildungen, hoch spezialisierte Wissenschaftler tagen im Hölterhoffstift, auch Gutachter. Über 80 Betten stehen zur Verfügung, in sehr bescheidenen Zimmern. Aber gerade diese Atmosphäre ist es, die gefällt. Nicht nur den Leuten vom Film.

Steckbrief
  • Objekt: Hölterhoffstift, Physikzentrum Bad Honnef (PBH)
  • Baujahr: 1904-1906; Erweiterung 1908/1909
  • Baustil: Historismus; Formenrepertoire der Neurenaissance deutscher Ausprägung und deren Ausformungen im Übergang zum Barock
  • Quadratmeter: circa 5 500
  • Früher: Damenstift und Haushaltspensionat
  • Heute: Physikzentrum Bad Honnef (PBH) mit Sitz der Deutschen Physikalischen Gesellschaft