Judenälteste Josef Weiss

Hans-Dieter Arntz schrieb über einen Helden aus Flamersheim

Euskirchen. Am Donnerstag wird in Flamersheim zu seinem 120. Geburtstag die Josef-Weiss-Straße eingeweiht und eine Gedenktafel für den letzten Judenältesten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen angebracht. Mit dem Euskirchener Autor Hans-Dieter Arntz sprach Moritz Rosenkranz über Weiss, dessen Rolle und die besondere Bedeutung der historischen Arbeit.

Warum haben Sie sich so intensiv mit Josef Weiss beschäftigt?
Hans-Dieter Arntz: Die Antwort ist einfach. Es ist für mich bis heute unbegreiflich, dass sich jemand in Bergen-Belsen, einem berüchtigten Konzentrationslager, in dem unzählige Menschen elendig verhungert sowie im wahren Sinne des Wortes "krepiert" sind und gegen das Auschwitz wegen seiner industriellen Holocaust-Maschinerie noch "hygienisch" war, so für andere Menschen einsetzen konnte. Weiss hatte auch seine Verwandtschaft dort. Jeder hätte wohl alles getan, um hauptsächlich sie zu retten. Doch Weiss tat dasselbe für Hunderte weiterer Menschen. Er ist für mich ein Vorbild. Und das nicht nur, weil er zufällig jüdisch war. Die Konfession spielt keine Rolle.

Warum ist Josef Weiss der breiten Öffentlichkeit dennoch unbekannt?
Arntz: Da gibt es mehrere Antworten: Zunächst gab es nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust eine sehr geringe Anzahl von Juden, vor allem in Deutschland. Hier hatte man aber andere Probleme, als sich mit jüdischen Idolen zu beschäftigen. Es gab im Grunde nur Opfer. Der zweite Grund ist komplizierter.

Warum?
Arntz: Weiss, der mit seiner Familie zunächst 1933 nach Holland geflüchtet war, galt als wichtigste Persönlichkeit im sogenannten "Sternlager" von Bergen-Belsen. In diesem Lager waren sehr viele holländische Juden. Und jetzt wird es interessant, denn Weiss war ja offiziell Deutscher. Nach dem Krieg hatte man aber offenbar in Holland andere Ziele, als die Vergangenheit aufzuarbeiten, und wollte nicht das Schicksal der holländischen Juden mit den Taten eines deutschen Juden in Verbindung bringen. Noch heute gibt es Vorbehalte in Holland, deutsche Juden positiv in den Vordergrund zu stellen.

Woran liegt das?
Arntz: Bereits im niederländischen Sammellager Westerbork wurde den aus Deutschland stammenden jüdischen Flüchtlingen vorgeworfen, sie wären angeblich "etwas Besseres" und sollten offenbar als "Austauschjuden" vorerst vor den Deportationen nach Auschwitz bewahrt bleiben. Konkreter gesagt, nur ihretwegen wären die holländischen Juden zuerst der Shoa zugeführt worden, während ihre deutschen Glaubensbrüder "nur" im deutschen "Austauschlager Bergen-Belsen" inhaftiert würden. Dass jedoch Bergen-Belsen zu einem Synonym der Schreckens wurde, blieb vorerst unbekannt. Von jüdischen Gemeinden in Holland habe ich auch keinerlei Resonanz auf mein Buch erhalten.

Was hat Sie bewogen, dieses Buch über Josef Weiss zu schreiben?
Arntz: Ich bin auf Josef Weiss schon 1982 gestoßen und habe ihn in ersten Artikeln und Aufsätzen erwähnt. Da ich damals regionalhistorisch arbeitete, war er eine wichtige Person für mich, zumal er aus Flamersheim kam, in dessen Nähe ich auch heute noch wohne. Ohne mein jahrzehntelanges Interesse an Josef Weiss wäre diese charismatische Persönlichkeit längst vergessen worden.

Was haben Sie stattdessen bewirkt?
Arntz: Ich bin nicht darauf aus, mich selbst zu loben. Aber meine Forschungen ermöglichten bereits im Jahre 1984, dass Juden aus Flamersheim, die dem Holocaust entkommen waren, zu einem viertägigen Wiedersehensfest in ihre alte Heimat zurückkamen. Auch Überlebende von Bergen-Belsen waren dabei. Uns wurde viel Beachtung geschenkt, ja, wir wurden sogar zu Bundespräsident Karl Carstens nach Bonn eingeladen.

Das heißt, Ihre Arbeit als Historiker hat auch auf persönlicher, menschlicher Ebene etwas bewegt...
Arntz: Ja. Ich habe habe im Laufe der Jahrzehnte viele Möglichkeiten der Begegnung geschaffen und das Glück gehabt, überhaupt mit diesen Gruppen von Menschen in Kontakt zu treten.

Gibt es konkrete Beispiele, was Sie erreicht haben?
Arntz: Allein das erwähnte Wiedersehen der Betroffenen. Das hat mich wirklich zu Tränen gerührt. In Anwesenheit des Bundespräsidenten sprach mich zum Beispiel eine ältere Dame aus den USA an, von der alle dachten, sie sei schon lange gestorben. Durch meine Recherchen konnte ich später ihre Lebensgeschichte beweisen und somit dafür sorgen, dass sie eine Rente von der Bundesrepublik erhielt. Die stand allen Opfern zu. Insofern geht meine Arbeit über die eines "normalen" Historikers hinaus, der seinen Schwerpunkt meist ausschließlich in der Archivarbeit hat. Ich knüpfe als engagierter Aktivist zusätzlich soziale Kontakte, baue persönliche Beziehungen auf und leiste so unauffällig eine Form der privaten Wiedergutmachungsarbeit, die mich sehr befriedigt.

In Flamersheim wird heute eine Straße offiziell nach Josef Weiss benannt und eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus installiert. Wie kam das zustande?
Arntz: In dem Haus wohnt heute eine italienische Familie. Sie war direkt bereit, die Tafel anbringen zu lassen. Aber allein für das Straßenschild haben wir fünf Jahre gekämpft. Die Ortsvereine von Flamersheim machen dort sehr viel in Eigeninitiative, denn die Stadt Euskirchen tut in Bezug auf Erinnerungskultur und deutsch-jüdische Wiedergutmachung sehr wenig. Das Thema wird sehr vernachlässigt oder gar totgeschwiegen. Die Politiker halten zwar immer tolle Reden, doch eigentlich wollen sie das Thema ruhen lassen, ähnlich wie bei den Stolpersteinen in Rheinbach.

Der Judenälteste Josef Weiss

Ein "Judenältester" war in der Befehlskette der Nationalsozialisten ein Funktionshäftling, der einerseits williger Befehlsempfänger, andererseits aber auch Helfer der für den Holocaust vorgesehenen jüdischen Opfer sein konnte.

Dass es unter diesen Umständen viele "unbesungene Helden" gab, hebt Hans-Dieter Arntz in seinem Buch insbesondere an der Person Josef Weiss hervor. Der aus Flamersheim stammende Weiss war in den letzten Kriegsmonaten der letzte Judenälteste im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Er leitete die gesamte interne Lagerverwaltung und galt den Juden als unbestrittene Instanz.

Hans-Dieter Arntz: "Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen". 710 S., Helios Verlag, 38 Euro.

Zur Person

Hans-Dieter Arntz, 1941 in Königsberg geboren, studierte in Bonn und Köln und erforscht seit 1975 zeitgeschichtliche Fragestellungen des Rheinlandes und publiziert zum Thema Nationalsozialismus, Holocaust und Judentum. Mehrere seiner Bücher sind Standardwerke. Als Oberstudienrat war er 40 Jahre lang am Gymnasium Marienschule in Euskirchen tätig.

Programm

Um 18 Uhr findet am Donnerstag die Straßenbenennung im Neubaugebiet "Im Mühlenacker" in Flamersheim statt. Um 18.45 Uhr wird die Gedenktafel am Geburtshaus von Josef Weiss, Pützgasse 16, angebracht. Zu Gast sind neben Weiss' drei Enkelinnen auch seine Schwiegertochter, drei weitere Weiss-Verwandte und Buchautor Hans-Dieter Arntz.