Gebunden im Bündel des ewigen Lebens

Als Zeichen des Gedenkens legen Besucher Steine auf den Grabsteinen am Hühnerbuschweg in Alfter ab.

Als Zeichen des Gedenkens legen Besucher Steine auf den Grabsteinen am Hühnerbuschweg in Alfter ab.

Vor 73 Jahren brannten die Synagogen. Nur noch jüdische Friedhöfe erinnern im heutigen Rhein-Sieg-Kreis an das vergangene jüdische Leben.

Rhein-Sieg-Kreis. Manchmal sagen sechs Zahlen mehr als ein ganzer Schrank von Erinnerungsliteratur. 2 088 Juden lebten in der Region, als die Nazis die Macht ergriffen: 568 im Siegkreis, 517 im Landkreis Bonn, 1 003 in der Stadt Bonn selbst. Bei Kriegsbeginn waren es zusammen noch 1 142. Und wie viele von ihnen überlebten den Holocaust? 17.

Auch zahlreiche Ortsnamen von den Ufern von Rhein, Sieg und Swist sind in die Mauern im "Tal der Gemeinden" in Yad Wa-Schem eingeschrieben, wo das jüdische Volk der mehr als 5 000 Gemeinschaften gedenkt, die im Mordbrand deutschen Wahns untergingen. Mit den Pogromen vom 9. und 10. November 1938 war vor 73 Jahren fast die unterste Stufe der brutalen Gewalt erreicht, die das Regime gegen Mitbürger richtete, die keine mehr sein durften. Fast die unterste, bevor drei Jahre später die Deportationszüge fuhren.

15 jüdische Friedhöfe erinnern im heutigen Rhein-Sieg-Kreis an das vergangene jüdische Leben. Sie gelten als "verwaist", nicht als "ehemalig", weil nach jüdischer Vorstellung ein Friedhof auf ewig bestehen bleibt: Ausdrücklich soll dort die Zeit ihr ewiges Werk an Spuren menschlichen Lebens tun. Beeindruckende Beispiele sind zum Beispiel einige von Efeu völlig überwucherte Grabsteine auf dem alten jüdischen Friedhof in Königswinter.

An der Lerchenstraße in Niederkassel-Mondorf wachsen Eiben zwischen den jüdischen Gräbern - ein altes germanisches (!) Symbol der Unsterblichkeit. Als schöner innerstädtischer Park mit uralten Eichen, mit Hügeln und Treppchen zeigt sich der (aus begreiflichen Gründen leider meist verschlossene) Judenfriedhof in Siegburg. Weniger still ist der Ort in der Kreisstadt, wo früher die Synagoge stand.

Am Ausgang der "Brauhof-Passage" sprudelt ein Brunnen mit hebräischer Inschrift: Die Abkürzung T-N-Z-B-H steht für "Tihijénah nafschotám zerurót bizrór hachájim" (Ihre Seelen seien gebunden im Bündel des ewigen Lebens). Diese traditionelle Segensformel für Grabsteine geht auf das erste Buch Samuel in der Bibel zurück und bedeutet sinngemäß "Ruhe in Frieden".

An eine andere Synagoge erinnert das Portal des ehemaligen "Hauses Cahn" an der Hauptstraße 397 in Königswinter: Durch das schön geschmückte Tor (der Zierrat symbolisiert unter anderem zwei siebenarmige Leuchter) gelangten die Gläubigen zu einer Treppe auf dem Hof und über sie in einen Betsaal im Obergeschoss.

Der kleine Gottesdienstraum wurde jedoch schon lange vor der Nazizeit aufgegeben: Seit 1872 nutzten die Königswinterer Juden die neue Oberdollendorfer Synagoge an der Heisterbacher Straße. In Bornheim erstand 1866 die Synagoge an der Königstraße (heute Hausnummer 55), die in Meckenheim 1870 an der Professor-Scheeben-Straße. In Bad Honnef konvertierte 1902 sogar eine evangelische Kapelle zum Judentum.

Nicht nur von dem Honnefer Bethaus an der Linzer Straße ist nichts geblieben. Fast alle 1938 noch genutzten Synagogen in der Region sind restlos zerstört; erhalten (wenn auch anders genutzt) sind nur die von Niederkassel-Mondorf und die von Ruppichteroth. An Rhein, Sieg und Swist blieben nur Grabsteine zur Erinnerung. "Gelöst ist die Schnur, gebrochen das Band", sagt der Kantor beim jüdischen Trauergottesdienst.

Doch dessen Teil ist auch eins der berühmtesten Gebete überhaupt: das Kaddisch, ein (so paradox es klingt) freudiger Klagegesang. "Gepriesen und gerühmt und verherrlicht und erhoben und erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen", sagt es. Und dem, was folgt, könnten auch Nichtjuden zustimmen. "Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden. Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, Er stifte Frieden unter uns und ganz Israel. Darauf sprecht: Amen."

Jüdische Friedhöfe im Rhein-Sieg-Kreis (Auswahl) Alfter: Hühnerbuschweg 10. Bad Honnef: Selhof, Auf der Helte 29b. Bornheim: Lessingstraße 50/1. Bornheim-Hersel: Elbestraße 53. Bornheim-Walberberg: Matthias-Claudius-Weg. Hennef: Geistingen, Hermann-Levy-Straße. Königswinter: Rheinufer, Clemens-August-Straße. Meckenheim: Dechant-Kreiten-Straße. Niederkassel: Mondorf, Lerchenstraße. Rheinbach: Straße "Am jüdischen Friedhof", in Bahnhofsnähe. Rheinbach-Wormersdorf: südlich der Tomburg (erreichbar vom Wanderparkplatz aus). Siegburg: Heinrichstraße, Ecke Augustastraße. Swisttal: Heimerzheim, Dornbuschweg.