GA-Serie "Rheinische Redensarten"

Et jeiht öm disch

Es geht um Dich.

Es geht um Dich.

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Eine besondere Eigenart des rheinischen Miteinanders hatte wir an dieser Stelle noch nicht erwähnt. Obwohl sie sehr naheliegend und präsent ist: Der Rheinländer ist – ta-ta-taa – schlagfertig! Ja, wirklich. Er hat immer einen munteren Spruch auf den Lippen und ist Weltmeister darin, einen anderen, ebenfalls schlagfertigen Rheinländer, zu parieren. Und zwar geschieht das quasi wie das ostasiatische Schattenboxen. Tai Chi ist da der Schlüsselbegriff. Dahinter steht die keineswegs minder zu schätzende Philosophie der passiven Verteidigung. Man lässt den Kraftvektor des Angreifers einfach durchrauschen und hilft durch eine elegante, fast tänzerische Seitwärtsbewegung nach, damit sich der Agressor mit seinem Schwung selbst zu Fall bringt.

Was körperlich möglich ist, kann auch rhetorisch funktionieren. Und so einen Fall haben wir bei unserer rheinischen Redensart: „Et jeiht öm disch.“ Zu gut Hochdeutsch heißt das: Es geht um dich! Verständlich wird das erst, wenn man den vollständigen Dialog kennt. Ja, man könnte hier von einem Sprachspiel reden. Die Situation ist immer wieder gerne genommen. Zwei Rheinländer begegnen sich und starten eine Konversation.

Nun wissen wir, dass man hierzulande gerne Zeit und Energie spart und sich nicht unnötig weit aus dem Fenster lehnt. So kann es also gut sein, dass der erste der beiden fragt: „Un?“ Was ja so viel bedeutet wie „Und?“ Als Sprachsachverständiger weißt man, dass es sich hier um eine offene Frage handelt. Im Gegensatz zur geschlossenen Frage, die man üblicherweise mit Ja oder Nein beantworten kann, erfordert deren Antwort mehr Aufwand und vor allem eine gewisse persönliche inhaltliche Öffnung. Wer sich diesem sozialen Zwang nicht aussetzen möchte, der antwortet mit unserer Redensart: Es geht um dich!

Und das ist tatsächlich ein geradezu genialer Schachzug, denn einerseits hat man kein bisschen von sich selbst preisgegeben und andererseits ist jetzt der andere am Zug. Ja, der hat sogar den Eindruck, dass ein gewisser Erklärungsbedarf bestehe, über Entwicklungen aus seinem Lebensumfeld zu berichten. Er sucht dann krampfhaft danach, ob sein Gegenüber wohl etwas Spezielles gemeint haben könnte. Ehe er sich versieht, ist er in der Defensive. Und kommt da nicht so schnell heraus. Das kann man mit Fug und Recht als höchste Kunst der Schlagfertigkeit bezeichnen.

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und ab sofort in den GA-Geschäftsstellen und im Handel zu haben. Das gedruckte Werk hat die Edition Lempertz verlegt, ISBN: 978-3-96058-211-3, es kostet 9,99 Euro.