"Er hat eine totalitäre Machtstellung"

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Leiter der Bonner "Universität Bibel Freundschaft" - Erzieherinnen, Nachbarn und Mitglieder berichten von vernachlässigten und geschlagenen Kindern

Bonn. Etwas versteckt, aber doch auffällig zwischen den Gewerbetrieben liegt der riesige Bungalow. An Haupt- und Seiteneingang Schilder: Universität Bibel Freundschaft. Hinter den Mauern treffen sich koreanische und deutsche Mitglieder der Studentenorganisation University Bible Fellowship (UBF) regelmäßig zu Veranstaltungen.

Leiter der Bonner UBF ist der Koreaner Peter Chang. Und gegen den ermittelt seit Herbst 2001 die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Körperverletzung.

Chang gilt nach den Worten von Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland, "als Hardliner zwischen Loyalisten und Reformern der UBF". Chang hat für ihn eine "totalitäre Machtstellung" in der Bonner Gemeinschaft.

Bereits in den 80-er Jahren kamen Gerüchte auf, UBF-Mitglieder vernachlässigten ihre Kinder. Das Jugendamt wurde informiert, weiß Schäfer, es habe auch Untersuchungen gegeben. Ergebnisse sind allerdings nicht bekannt. Dem Jugendamt, so versicherte am Freitag eine Sprecherin der Stadtverwaltung, sei UBF durchaus ein Begriff. Man begegne der Organisation mit "präventiven Maßnahmen", hieß es dazu aus dem Amt.

In Zeiten des Internets, berichtet Schäfer, machten Reformwillige seit kurzem das öffentlich, was sich bis dahin hinter Mauern und von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen abgespielt haben soll. Zu den Berichten sagt der Sektenbeauftragte: "Ich halte sie durchweg für glaubhaft, denn es geht den Klageführenden in keinem Fall um eine Abrechnung mit dem, was sie etwa durch Ausstieg hinter sich gelassen haben, sondern um ein ernstes Bemühen, die UBF von innen her zu reformieren."

Auf der Dortmunder UBF-Homepage schreibt eine Frau: "M. Peter erzieht die Kinder ... mit Gewalt. Als das Kind (gemeint ist ihr Sohn) vor der Tür winselte, schlug er das Kind an seinen Füßen den ganzen Abend, bis es erschöpft war, und auf dem Boden einschlief. Er meinte, dass er es dadurch zur Ergebung führen wollte, weil der böse Geist so aus ihm ausgetrieben worden sei."

Und weiter: "Der erste Sohn von Jakob und Sara ... stieß sich oft mit seinem Kopf aus Langeweile gegen die Wand, wenn seine Eltern ihn allein zu Hause ließen." Das sei Nachbarn bekannt geworden, und die hätten Anzeige bei der Polizei erstattet.

Dass die Polizei das eine oder andere Mal über Vernachlässigung von Kindern - die Eltern sind mit Gottesdiensten, Bibelstudium, Versammlungen und schriftlichen Berichten beschäftigt - informiert wurde, bestätigte die Behörde.

Ein Polizeisprecher sagte zum GA, Bürger hätten einem Bezirksbeamten gesagt, Kinder wären der Jahreszeit entsprechend nicht richtig angezogen. Es sei Winter gewesen und die Kinder liefen barfuß oder mit kurzen Hosen draußen herum.

Auch Kindergärtnerinnen bestätigen das. Sie haben festgestellt, dass bis vor ein, zwei Jahren Kinder der UBF eine ganze Woche lang in verschmutzter Kleidung herumliefen. Als ein Kind einmal sehr krank in den Kindergarten gekommen sei, hätten die Erzieherinnen vergeblich versucht die Eltern zu informieren.

Schließlich habe man Chang erreicht, und "nach mehrfachem Drängen" sei das Kind nach zwei Stunden abgeholt worden. Mittlerweile sei das zwar besser geworden, doch die Kindergärtnerinnen sprechen nach wie vor von Verhaltensauffälligkeiten der Kinder: "Sie schreien, sind aggressiv."

Nachbarn von UBF-Mitgliedern ist das ebenfalls aufgefallen: "Die Kinder sind verängstigt, in ihrer Entwicklung gestört." Selbst gesehen haben die Nachbarn, dass Kinder im Garten "20 Minuten hätten stramm stehen müssen, während Chang den Rasen gewässert hat". Ein Mädchen habe ihnen einmal unter Tränen erzählt, "Opa Peter" habe mit einem Stock auf ihre Hände geschlagen.

Auch die Kindergärtnerinnen berichten von Schlägen. Die Erzählungen der Kinder seien "absolut glaubwürdig. Sie haben so viele Details geschildert". Unter anderem hätten Eltern sogar gesagt, wenn das Kind ungehorsam sei, dann müsse es geschlagen werden. Körperliche Spuren von Gewalt bei den Kindern hätten sie allerdings nicht gesehen.

Zum Thema Gewalt heißt es auf der UBF-Homepage: "M. Peter kümmert sich in vieler Hinsicht sehr sorgfältig um alle Kinder der Mitarbeiter. Allerdings lernen die Kinder dadurch, ihm mehr zu gehorchen als ihren Eltern." Als er seinen Sohn ermahnt hätte, er dürfe seiner Schwester nicht auf den Kopf schlagen, hätte er nur gesagt, M. Peter hätte ihm erlaubt, dem Mädchen Kopfnüsse zu geben, wenn es ihm ungehorsam sei.

Zum Stand des laufenden Verfahrens wollte sich die Staatsanwaltschaft "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht äußern. Ebenso wenig Changs Anwalt Stefan Hiebl: "Ich gebe keine Erklärung ab." Und der Koreaner selbst war für den GA nicht zu sprechen. Auch auf mehrmaliges Klingeln am Donnerstagabend wurde nicht geöffnet, obwohl sicht- und hörbar Leben im Bungalow war. "Er ist momentan nicht da", sagte schließlich eine UBF-Mitarbeiterin, die zum Zentrum geradelt kam.

Lesen Sie dazu auch: " Die Geschichte der UBF" und " Der Glaube der UBF"