"Eine solche Flutwelle habe ich noch nie gesehen"

<b>Wie in Venedig</b> ah es am 3. Juni 1961 mitten in Heimerzheim aus. Die Swist überflutete sogar die heutige Kölner Straße.

<b>Wie in Venedig</b> ah es am 3. Juni 1961 mitten in Heimerzheim aus. Die Swist überflutete sogar die heutige Kölner Straße.

Vor genau 40 Jahren überflutete die Swist halb Heimerzheim - Bürger erinnern sich an dieses "Jahrhundert-Hochwasser"

Swisttal-Heimerzheim. Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Meistens. Vor genau 40 Jahren, am Samstag, 3. Juni 1961, um 7 Uhr war aber in Heimerzheim gar nichts mehr in Ordnung. Zu dieser frühen Stunde schwappte die Swist aus ihrem Bett, überflutete zunächst die Bachstraße und später den halben Ort. "Jahrhundert-Hochwasser" wurde es später genannt.

Bis heute halten sich Gerüchte, wonach der Wasserverband Euskirchen die Steinbachtalsperre aus Angst, die Staumauer könne brechen, geöffnet und damit erst das Riesenausmaß dieses Hochwassers ermöglicht habe. Der Talsperrenwart dementierte dies damals. Hingegen sagt der damalige Heimerzheimer Bürgermeister Franz-Josef Hambach, die Schleuse sei sehr wohl geöffnet worden. Die Anwohner der Bachstraße, die einen Meter überflutet war, mussten ihre Häuser verlassen, nachdem sie zuvor Möbel in obere Etagen gerettet hatten. Vieh musste zu Bauernhöfen an höher gelegenen Straßen gebracht werden. Erdbeerfelder versanken im braunen Wasser. Die Katastrophenschutzstaffel der Polizei war mit Schlauchbooten unterwegs, um alte und kranke Menschen zu versorgen. Erst gegen Abend sank der Pegel. Am Sonntag war die Swist wieder in ihrem Bett verschwunden. Der GA befragte Heimerzheimer Bürger, wie sie diesen denkwürdigen Tag vor 40 Jahren erlebt haben.

Willi Garus, damals 28: "Das Wasser stieg so rasend schnell bis unter die Fensterbank, wir konnten gar nicht alles in Sicherheit bringen. Dabei hatten wir uns gerade eine neue Küche gekauft. Die Wellen drückten das Tor zum Hof auf. Fast hätten wir unseren Spitz Sepp vergessen, der an seiner Hundehütte angebunden war, damit er die Kühe, die aus dem Stall geführt wurden, nicht anbellt. Sein Gejaule hat ihm dann das Leben gerettet."

Elisabeth Garus, damals 25: "Ich bin um 6 Uhr zu meiner Schwester an der Vorgebirgsstraße gegangen. Da war der Pegel noch einen Meter unter Straßenniveau. Als ich eine Stunde später zurückkam, stand die Bachstraße unter Wasser."

Vroni Reichelt, damals 14, heute Inhaberin des Gasthauses Zur Linde: "Als ich mittags aus der Berufsschule in Bonn zurückkam, stand die ganze Wirtschaft unter Wasser. Im Keller schwammen die leeren Bierfässer unter der Decke. Ein Gast hat gesagt, wir hätten jetzt eine schöne Hafenkneipe. Viele Nachbarn haben uns damals geholfen. Die Renovierung hat uns etwa 30 000 Mark gekostet. Das war damals viel Geld."

Gertrud Fuß, damals 23: "Wir haben schnell den Ölbrenner im Keller ausgebaut und die Möbel im Wohnzimmer auf Steine gestellt. Das Wasser kam durch die Kellerfenster und Heizungsschächte und stand schließlich bis zur Türklinke im Haus. Hans-Josef Mauel hat uns mittags mit seinem Traktor abgeholt. Nur meine Großmutter, damals 74, ist im Haus geblieben. Sie hat gesagt: Hier bin ich geboren, hier bleibe ich auch."

Peter Alef, damals 23: "Wir hatten damals sieben Hühner. Die saßen im Garten auf einer Leiter und konnten nicht mehr runter. Ich habe sie dann auf den Speicher gebracht. Mein Fiat stand bis zum Dach unter Wasser.

Elisabeth Fuhs, damals 47: "Das Wasser stand einen halben Meter im Haus. Waschmaschine und Kühlschrank sind kaputt gegangen. Unsere Kühe standen bis zum Euter im Wasser. Wir haben sie zum Bauernhof Fleischer an der Pützgasse getrieben. Dort haben wir dann auch eine Nacht geschlafen."

Josef Radermacher, damals 20: "Das Wasser stand sogar hier bei uns mitten im Dorf, 200 Meter vom Bach weg, bis unter die Fensterbank. Das letzte Mal hat es ein solches Hochwasser 1880 gegeben. Mein Opa hat nämlich die Pegelstände mit Datum an die Kellertreppe geschrieben."

Josef Hartmann, damals 34 und Feuerwehr-Chef in Heimerzheim: "Eigentlich wollten wir an diesem Samstag mit der Feuerwehr eine Schiffstour auf dem Rhein machen. Doch die ist dann ins Wasser gefallen. Wir waren dann mit 40 Mann rund um die Uhr im Einsatz. Wir haben einem gehbehinderten Mann Essen gebracht und viele Keller ausgepumpt."

Hermann Euskirchen, damals 38: "An diesem Samstag bin ich schon ganz früh auf Betriebstour in den Westerwald gefahren. Als ich nachts zurückkam, habe ich mich sehr gewundert, dass so viele Leute in Gummistiefeln auf der Straße standen. Da war das Hochwasser schon zurückgegangen."

Vroni Braun, damals 30: "Ich habe mir zuerst mal im Schuhgeschäft Euskirchen Gummistiefel gekauft. Dann mussten wir auf unseren kleinen Sohn Albrecht aufpassen, der damals drei Jahre alt war. Unser Erdbeerfeld hinter dem Haus stand komplett unter Wasser."

Kurt Kriesten, damals 29: "Ich habe schnell die Haustür zugemauert. Das Wasser stieg rasend schnell. Eine solche Flutwelle habe ich noch nie gesehen. Sie konnte nicht nur vom Regen kommen."

Georg Schmidberger, damals 18: "Ich war bei den Pfadfindern. Wir haben den Leuten geholfen, ihre Sachen aus dem Wasser zu retten. Zunächst war es für die Jugend ein großer Spaß, aber dann machte sich Katastrophenstimmung breit."

Hans-Josef Kader, damals 18: "Unsere Rinder standen auf einer Weide bei Dünstekoven bis zum Bauch im Wasser. Die 20 Kühe, die im Stall waren, haben wir hinter den Traktor gebunden und sie zum Hof Diefenthal gezogen. Für die Kälber haben wir im Stall ein Podest gebaut. Als wir die Tiere versorgt hatten, habe ich bei der Feuerwehr mitgeholfen."