Haus Mayer-Kuckuk

Ein Haus, das aus dem Rahmen fällt

Bad Honnef. An der Böckingstraße steht ein "Systembau" aus den Sechzigern - In dem Unikat steckt eine architektonische Vision

Ein Haus ist aus Stein, hat eine dicke Eichentür, und obendrauf sorgt ein Ziegeldach dafür, dass es nicht hereinregnet - könnte man denken. Hartmut Witte steht an der Eingangstür seines Hauses an der Böckingstraße und schmunzelt über solche Stereotypen. "In diesem Haus gibt es keinen Stein, bis auf die Mauer im Innenhof. Aber kommen Sie doch herein." Dann zieht er die flache Schiebetür am Hauseingang zu.

Das Haus mit der Nummer 9 tanzt schon von weitem aus der Reihe. Die vier Wände und das Dach bestehen aus weißen zusammengesteckten Platten aus Faserzement, gestützt von schwarzen Hoch- und Querstreben aus Holz - als käme das Material aus einem überdimensionalen Playmobil-Baukasten. Völlig daneben liegt man mit diesem Vergleich nicht.

Hinter den Streben und Platten verbirgt sich eine architektonische Vision. Und, ganz pragmatisch, die Frage, ab wann sich jemand ein eigenes Haus leisten kann. 80 000 Mark sollte sein neues Heim kosten, das sich der Atomphysiker Theo Mayer-Kuckuk 1967 bauen lassen wollte. Der Wissenschaftler hatte zuvor in den Vereinigten Staaten gearbeitet und folgte nun einem Ruf an die Bonner Universität.

Und er hatte sich schon einen Architekten ausgeguckt: Wolfgang Döring, bekannt für seine avantgardistischen Projekte. "Wolfgang Döring wollte ein Haus nicht von unten nach oben bauen, sondern aus industriellen Modulen in einer Art Fertigbauweise", erklärt Hartmut Witte, dessen Frau Andrea Köhler das Haus vor rund 20 Jahren gekauft hat.

Die zentrale Idee des Architekten lässt sich vereinfacht so erklären: Was wäre, wenn sich jeder Mensch ein schlichtes, praktisches Haus leisten könnte? Ein bezahlbares Haus, das in wenigen Wochen liefer- und aufbaubar und - je nach Lebenssituation - durch neue Module jederzeit erweiterbar ist?

Sein Hintergedanke: Bereits in den sechziger Jahren mussten die Menschen immer häufiger den Arbeitsplatz wechseln und damit auch den Wohnort. So wurde die Böckingstraße zum Experimentierfeld des Düsseldorfer Architekten. Nachdem die 16 Bodenplatten aus Zement getrocknet waren, zog Döring in sechs Tagen den futuristischen Bau hoch.

Aber deswegen sollte der Betrachter nicht auf eine billige Qualität schließen, betont Kunsthistoriker Witte: "Es geht vielmehr darum, dass die Module industriell vorgefertigt werden und dadurch günstig und schnell verfügbar sind." Doch die Fließbänder für die Häuserwände, sie liefen nie an.

Und fern von allen Visionen, ganz praktisch im Alltag: Fühlt es sich nicht so an, als würde man in einem Kartenhaus leben? Hartmut Witte schüttelt den Kopf. "Im Gegenteil, das Haus ist erdbebensicher und gemütlich." So hermetisch der kantige Bau von außen auch aussieht:

Die Sonne flutet das Wohnzimmer durch ein langes schmales Fenster, das entlang der Wände verläuft. Hartmut Witte erzählt solche Hintergründe mit ruhiger Stimme, aber es ist klar: Ihn faszinieren eben jene Details. Der Kunsthistoriker ist spezialisiert auf die sechziger Jahre, die ganze Inneneinrichtung verschmilzt mit dem Stil des Hauses. Oder wie er es salopp ausdrückt: "Natürlich stellen wir hier keinen Gelsenkirchener Barock rein."

Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. Damals fanden sich nicht genug Interessenten für die "Systembauten", wie es im Fachjargon heißt. Von gestern ist das Haus trotzdem nicht, im Gegenteil. Hartmut Witte zieht eine Hochglanz-Zeitschrift von 2008 aus dem Regal. In einem Artikel werden "modulare Häuser" vorgestellt.

Die Verwandtschaft zum Bau an der Böckingstraße ist ebenso offensichtlich wie die Idee, die dahinter steckt: Die Häuser sind gedacht für "Nomaden der Moderne", die für ihren Arbeitgeber von Kontinent zu Kontinent ziehen. Vielleicht geht der Döringsche Systembau an der Böckingstraße also doch noch irgendwann in Serie.