Durchhalteprämien für deutsche Erntehelfer

Auf den Feldern im Vorgebirge vergammeln die Erdbeeren, weil es an Pflückern fehlt - Polen suchen sich bessere Arbeit, deutsche Helfer sind rar und nicht immer effektiv

Bornheim. Saftig steht sie auf dem Feld, die Erdbeere, rot und rund. Es ist Erntesaison im Vorgebirge: Besser als jetzt wird die Königin der Beeren nicht mehr schmecken. Die Sonne hat sie süß und prall gemacht. Dennoch schaut Landwirt Claus Ritter aus Bornheim, Herr über 46 Hektar Erdbeer-Anbaufläche, sorgenvoll gen Himmel. Mit jedem Sonnentag kann er mehr von seiner Ernte abschreiben - es fehlen die Erntehelfer.

"In diesem Jahr werde ich etwa sechs Hektar liegen lassen müssen", schätzt der Landwirt. 400 Helfer bräuchte er für die Ernte all seiner Felder, 300 hat er nur bekommen. "Damit habe ich es noch vergleichsweise gut getroffen", meint er, anderen Kollegen stünden noch weniger pflückende Hände zur Verfügung.

Den Grund dafür sieht Ritter in der europäischen Entwicklung: "In Polen weht jetzt ein anderer Wind", weiß der Landwirt von seinen eingereisten Erntehelfern aus Deutschlands östlichem Nachbargebiet. Auf polnisch hat er sie nach den Mitarbeitern gefragt, die in diesem Jahr weggeblieben sind. Ausländische Investoren hätten dort viele Jobs geschaffen, die den Polen Verdienstmöglichkeiten in ihrer Heimat bieten, erfuhr er dabei.

"Wenn die daheim fünf Euro pro Stunde verdienen, reisen sie nicht für meine 5,17 Euro über die Grenze", so Ritter. Viele bekämen außerdem nicht mehr den langen Urlaub bewilligt, den sie für die Saisonarbeit im Vorgebirge bräuchten. "Da arbeiten sie lieber daheim oder das ganze Jahr in einem anderen Land als in Deutschland, wo ich sie maximal vier Monate beschäftigen darf", schimpft Ritter auf das deutsche Arbeitsrecht.

Umso wertvoller macht dies die deutschen Erntehelfer: Arbeitslose, die sich bei den Landwirten ihr Hartz-IV-Einkommen aufbessern wollen. "Aber allein mit Deutschen könnte ich meinen Betrieb nicht fahren", so Ritter - eine Einschätzung, die sein Vorarbeiter Erwin Kürsten teilt: "Der Arbeitswille fehlt bei vielen", berichtet er von einem häufigen Wechsel seiner Helfer.

Gut die Hälfte komme nach ein, zwei Tagen auf dem Feld nicht wieder. Denn die Arbeitsbedingungen sind hart: Arbeitsbeginn um 5 Uhr, pflücken in gebückter Haltung bei Wind und Wetter, in Regen oder praller Sonne.

"Hier sind alle Berufe vertreten: Gelernte Fliesenleger, Maurer, Elektriker, sogar ein Jurist, dessen Studium im Ausland bei uns nicht anerkannt wird", so Kürsten. Wer zur Ernte geeignet ist, zeige sich schnell. Nach einer Einarbeitungszeit sollten 14 Kisten bis 13 Uhr gefüllt sein mit jeweils zehn Schalen Erdbeeren à 550 Gramm.

"Die meisten haben den Bogen schnell raus. Aber einmal kam ein Kandidat nach sieben Stunden mit nur neun Schälchen an - den haben wir gleich wieder nach Hause geschickt", erzählt Kürsten und lacht.

30 Erntehelfer aus Deutschland behält er auf dem Feld im Auge. Einer davon trägt die Nummer 75 - Anzeichen für den schnellen Wechsel. "Jeder Zweite kommt nicht wieder", so Kürsten. Länger durchgehalten hat Sven Arsinakis aus Alfter. Der Vater von drei Kindern ist eigentlich Busfahrer, scheut aber den Einsatz jenseits der Straße nicht. "Ich habe eben gelernt, dass man für sein Geld arbeiten muss", zeigt er kein Verständnis für Arbeitslose, die sich um die Feldarbeit "drücken".

Schließlich zahle sich das Engagement auch finanziell aus: Neben dem Arbeitslohn bekomme er vom Arbeitsamt noch eine Prämie für das Durchhalten. 40 Prozent des Bruttolohns. Zusammen mit dem Arbeitslosengeld wächst das Einkommen damit von 1 400 auf 2 000 Euro - "ich will schließlich meiner Familie noch etwas bieten können", sagt Arsinakis und macht sich wieder an die Arbeit, in den Erdbeerreihen, wo nur die Deutschen pflücken. Die polnischen Helfer bleiben lieber unter sich.

"Die haben ihr eigenes Tempo", so Kürsten. Von einer Erfolgsprämie ihres Arbeitgebers motiviert, ziehen sie den Deutschen deutlich davon. "Die Besten übernehmen zwei Schichten und schaffen 70 Kisten am Tag", staunt Arsinakis nicht schlecht: "Da ziehe ich den Hut vor."