Die schmutzige Treiben eines "Saubermannes"

Der Journalist Alvaro Rojas öffnet im Siegburger Ratsaal noch einmal die Akte Colonia Dignidad des Troisdorfers Paul Schäfer - Fesselnder Vortrag in der Reihe "Begegnung mit Chile"

Siegburg. "Colonia Dignidad ist kein deutsches Problem. Es ist ein Problem Chiles." Am Dienstagabend sah es fast so aus, als hätte Alvaro Rojas Recht. Gerade mal 35 Zuhörer kamen in den Siegburger Ratssaal, als der chilenische Journalist seine Forschungen zu dem berüchtigten Sektenlager vorstellte. "Kolonie der Würde" heißt der Name übersetzt, doch gnadenlos wurden hinter dem Stacheldraht die Menschenwürde von deutschen Auswanderern und Chilenen mit Füßen getreten. "Begegnung mit Chile" heißt eine aktuelle Veranstaltungsreihe der Stadt. Klaus Hardung, Chef der städtischen Kulturgesellschaft, hatte das Thema ins Programm genommen.

Rojas, 1941 in Santiago de Chile geboren, war Herausgeber einer chilenischen Tageszeitung, als er unter Pinochet von 1973 bis 1975 in einem Lager interniert wurde. Bis 1987 lebte er im deutschen Exil. 1988 erschien die erste Auflage seines Buches "Die Geheimnisse der Colonia Dignidad." Sein Referat fokussierte er bewusst auf den aus Troisdorf stammenden Schäfer und dessen pädophiler Veranlagung.

Kurz nach dem Krieg hatte Schäfer als Jugendleiter beim CVJM in Troisdorf Jungen sexuell belästigt und wurde gefeuert. 1954 baute er eine Jugendheimstatt in Lohmar-Heide auf. 1961 zeigten ihn zwei Jungen an, wegen Vergewaltigung. Noch bevor der Haftbefehl unterschrieben war, flüchtete Schäfer und gründete in der Nähe der Stadt Parral die Kolonie in Chile. Unfassbar: Er schaffte es, 50 Heimkinder in einem Charterflug dorthin zu schicken. Schäfers Startkapital kam von der Bundeswehr, die das Haus in Heide für 900 000 Mark kaufte und darin den Generalarzt der Luftwaffe unterbrachte.

Die Kolonie wuchs rasch auf bis zu 400 meist deutsche Bewohner, die vollkommen von der Außenwelt angeschnitten waren. "18 000 Hektar groß ist die Kolonie. Es gab alles: eine Bäckerei, einen Schlachthof, ein Krankenhaus mit OP, eine Getreide-, eine Rapsmühle und eine Konservenfabrik", sagte Rojas, der mehrmals versuchte, in die Kolonie zu gelangen, aber immer abgewiesen wurde. Schäfer und der Prediger Hugo Baar rissen Familien auseinander und ließen Ehepartner getrennt schlafen. Baar hatte in Gronau schon eine Gruppe fundamentalistischer Baptisten geleitet, Vertriebene des Weltkrieges. Viele sollten ihm später nach Chile folgen.

Baar genoss die Macht und machte sich Frauen gefügig, Schäfer wartete auf Busse mit chilenischen Kindern. In knapper und sachlicher Sprache schilderte Rojas, wie die Kinder in der Kolonie ankamen. Sie gelangten zunächst in einen großen Saal, in den Schäfer durch einen venezianischen Spiegel im Nebenraum blicken konnte. So wählte er seine Opfer aus. "Das Kind, das Kind, das Kind", sagte Rojas.

Hugo Baar und Schäfer verlangten von den Mitgliedern der Sekte sexuelle Enthaltsamkeit und gaben vor zu wissen, "wann der Erlöser komme". Sie predigten gegen Kommunisten und den Satan. Franz-Josef Strauß - verstorbener bayrischer Ministerpräsident und CSU-Parteichef - erlebte bei einigen Besuchen eine saubere, ordentliche und erfolgreich wirtschaftende Kolonie, in der strammes Deutschtum gepflegt wurde. Faschisten seien die Kolonisten jedoch nicht gewesen, sagte Rojas. In einem Geschäft an der Mühlenstraße in Siegburg wurden Erzeugnisse aus Chile verkauft. "Die Verkäuferinnen hatten eigenartige Frisuren", sagte einer der Zuhörer, "und wurden in Siegburg Hallelujah-Mädchen genannt".

Auch der ehemalige Siegburger Bürgermeister Adolf Herkenrath nahm die Colonia gegen Kritiker in Schutz. Darunter Wolfgang Kneese, der 1964 aus dem Lager fliehen konnte und mit Günther Bohnau eine Interessengemeinschaft Geschädigter gründete. "Unter Pinochet wurde die Kolonie zur Folterschule", sagte Rojas, der mit Augenzeugen gesprochen und Unmengen Papiere und Akten studiert hat. Die Schergen des Diktators lernten hinter den Mauern des Lagers, wie man Menschen quält, ohne sie zu töten. Die Vorwürfe stammen aus dem Jahre 1977 und von Amnesty International; die Organisation handelte sich eine Klage ein. Das Verfahren wurde erst 1997 eingestellt, als Schäfer wieder auf der Flucht war, nachdem ihn geflohene Lagerinsassen angezeigt hatten.

Rojas ist sicher, dass sich der heute 81-Jährige noch vor der Polizei versteckt. "Das Verfahren ist nicht eingestellt. Es wird nur nicht fortgeführt, weil Schäfer nicht auffindbar ist." Rojas glaubt nicht, dass der Sektenführer jemals gefunden wird. Groß sei das Interesse ohnehin nicht. "Er hat gefährliche Informationen über hohe Beamte und Politiker. Das schützt ihn vor der Verhaftung." Die Kolonie gibt es immer noch. "Doch die Bewohner können sich frei bewegen und in die Stadt fahren. Eine Sekte ist sie nicht mehr", sagte Rojas. "Das Problem dieser Enklave war immer ihre Isoliertheit. Der Staat muss dort ein Dorf bauen, mit einer Post, einer Polizeistation und einer Busverbindung in die Stadt Parral."