Die letzte gut erhaltene V 1-Flak-Anlage

Nahe des Bildstocks "Auge Gottes" im Siebengebirge zeugen Betonpfeiler der Rampe von den Stellungen des Regiments 155 - Zum Einsatz kam die Waffe wahrscheinlich nicht mehr

Bruchhausen. Nicht nur die Industriestädte hatten vor 60 Jahren unter dem immer stärker werdenden Luftkrieg zu leiden. So starb in Bruchhausen am 12. August 1943 ein 38-jähriger Einwohner, als er von einem Geschoss während des Luftkampfes zwischen deutschen und alliierten Jagdflugzeugen getroffen wurde.

Außerdem wurde die "Lambach-Pumpe" im Hähnerbachtal zerstört, ohne die die Wasserversorgung des Ortes nicht möglich war. Das Ende des Krieges erlebte der kleine Rheinhöhenort mit voller Wucht. Aus dem Wald heraus leisteten deutsche Infanterie und Artillerie den von Erpel vorstoßenden Amerikanern heftigen Widerstand, lagerten doch rund 3000 Tonnen großkalibriger Munition noch an den V-1-Stellungen am "Auge Gottes".

Geheimnisumwitterte Bauarbeiten hatten Ende 1944 oberhalb des "Birkig", einer genossenschaftlich genutzten Fläche, in Richtung des Bildstockes und rund um den Asberg begonnen. Die Deutsche Wehrmacht betonierte Waldwege und Schneisen, legte Bodengruben in Ziegelsteinmauerwerk an und errichtete Holzbaracken. Die Soldaten der entsprechenden Flakeinheit, die das gesamte Gebiet kurz darauf für die Zivilbevölkerung sperrten, waren zum größten Teil in Bruchhausen stationiert. So sickerte bald durch, dass oberhalb von Bruchhausen Stellungen für so genannte V-Waffen entstehen sollten.

Schon seit Monaten hatte die NS-Führung den Einsatz von dieser Vergeltungswaffe, eines unbemannten, flugzeugähnlichen Flugkörpers angekündigt, der Fieseler 103 oder V 1. Bereits seit Mitte 1944 wurde diese von Stellungen in Nordfrankreich Richtung England abgefeuert, ab Oktober waren von Mayen und Wiehl aus Lüttich und Antwerpen Ziel der Bomben.

Der Bad Honnefer Dieter Runge, der sich in privaten Nachforschungen intensiv mit den Gefallenen des Zweiten Weltkrieges und dem jeweiligen Frontverlauf beschäftigt, besitzt die Kopie einer Wehrmachtskarte, auf denen auch die rechtsrheinischen Stellungen eingetragen sind.

Neben drei lediglich erkundeten östlich von Linz sind nahe des Verladebahnhofs von Kalenborn auch die "Auge Gottes"-Stellungen als ausgebaut eingezeichnet. Auch genaue Zeichnungen der Stellungen mit den Flugwinkeln der V 1 sind im Besitz des Diplom-Ingenieurs. Auf Grund seiner Vorbildung ist es für ihn ein leichtes, die technischen Einzelheiten dieser Wunderwaffe, abgedruckt in der Waffen Revue Nr. 68, 1988, nachzuvollziehen.

Ob von Bruchhausen aus die 14 Meter langen V 1-Flugkörper mit ihrer enormen Sprengleistung abgeschossen wurden, ist zweifelhaft. Gerhard Reuter vom Heimat- und Geschichtsverein Bruchhausen berichtet in dem von ihm erstellten Beitrag im Heimatbuch "1000 Jahre Bruchhausen": "Einige Zeitzeugen berichten, dass sie auf die von den V 1-Stellungen am "Auge Gottes" und am Asberg abgefeuerten Flugbomben durch ein lautes Getöse aufmerksam gemacht worden seien und sie diese beim Überfliegen beobachtet hätten."

Auch in einer Dokumentation über die Schlussphase des Krieges heißt es, dass die 3. Abteilung des Flak-Regiments 155 von den vier Abschussrampen Geschosse auf Ziele in Belgien abgefeuert habe.

Dagegen sprachen sich 1996 ein schweizer Wehrexperte sowie Max Meyer, ehemaliger Leiter der Forschungsgruppe "Vergeltungswaffen" in Peenemünde entschieden aus. Der Hauptgrund: Die Anlage am Auge Gottes sei unvollständig. "Ihr fehlt das Kernstück, eine aus sieben Teilen zusammengebaute Schlitzrohrschleuder, deren Demontage nicht ohne weiteres möglich gewesen wäre", urteilten die Experten. Zumindest entsprechende Bohrlöcher hätte man in den Betonplatten finden müssen.

In Kalenborn seien zudem von den Alliierten keine Geschosse für die V-1 gefunden worden, meint Runge. Vielmehr sei in 56 Waggons schwere Munition für die Gegenoffensive in den Ardennen dort hin geschafft worden. Gleichgültig ob von den Bruchhausener V 1-Stellungen geschossen wurde oder nicht, für den Kriegs- und Waffenexperten sollte die heute noch existierende Anlage unter Schutz gestellt werden.

"Es ist die einzige mit dem kreisrunden Richthaus und den Betonpfeilern der Abschussrampe noch gut erhaltene V 1-Flak-Stellung in Deutschland und damit von historischer Bedeutung", begründet er seine Forderung.