Die Schätze der Niederzissener Synagoge liegen unterm Dach

Die alte Synagoge von Niederzissen ist nur noch ein Relikt ihrer selbst. 1938 beteten dort zum letzten Mal Mitglieder der einst größten jüdischen Gemeinde im Kreis Ahrweiler. Jetzt hat die Ortsgemeinde Niederzissen die ehemalige Synagoge gekauft. Für 33 000 Euro.

Brohltal. Es riecht nach Ruß. Die Wände sind rauchgeschwärzt. Blasses Licht fällt durch die schlierigen Rundbogenfenster auf den blanken Beton des Fußbodens. Der Schmiedehammer schweigt. Aber auch das Echo der Stimme des Kantors ist verhallt. Seit mehr als 70 Jahren.

Die alte Synagoge von Niederzissen ist nur noch ein Relikt ihrer selbst. 1938 beteten dort zum letzten Mal Mitglieder der einst größten jüdischen Gemeinde im Kreis Ahrweiler. Danach wurde das Gebäude an der Mittelstraße, der einstigen "Judengasse", als Schmiede und Schlosserei genutzt - bis in die 1990-er Jahre. Seit dem steht das Haus mit den markanten Fenstern leer.

Das soll sich ändern. Die Ortsgemeinde Niederzissen hat die ehemalige Synagoge gekauft. Für 33 000 Euro. Mit 12 000 Euro hat sich die rheinland-pfälzische Stiftung Kultur daran beteiligt. Den Beschluss zum Kauf fasste der Gemeinderat übrigens eher zufällig am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Seit wenigen Tagen ist der Kauf perfekt. Grund für den General-Anzeiger mit Ortsbürgermeister Richard Keuler das einstige Bethaus zu besuchen.

"250 000 Euro stellt die Gemeinde für die Renovierung zur Verfügung", sagt Keuler und zeigt auf die verrußte Decke, an der noch die goldenen Sonnen der früheren Lampenumrahmung zu sehen sind. "Ob es einmal ein Sternenhimmel wie in der Ahrweiler Synagoge war, wissen wir nicht", sinniert Keuler, der der richtige Mann am richtigen Platz zu sein scheint.

Denn in seinem Berufsleben hat er im Ahrweiler Kreishaus für den Denkmalschutz verantwortlich gezeichnet und war in den 1980-er Jahren beratende Experte bei der Renovierung der Ahrweiler Synagoge. In Niederzissen soll in dem einzigen weiteren erhaltenen Bethaus im Kreis Ahrweiler eine Stätte der Erinnerung und der Begegnung entstehen.

"Drei Jahre werden wir dafür aber schon brauchen", sagt Keuler und zeigt nach oben. "Dort war die Fortsetzung der Frauenempore eingezapft. Nur der hintere Teil ist noch intakt." Und: "Die Treppe müssen Sie sich wegdenken. Die Empore war nur von Außen zu erreichen. Das links hier ist ein Anbau, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu kam." Der eigentliche Synagogentrakt soll bei der Renovierung optisch herausgearbeitet, der Anbau für museale Zwecke genutzt werden.

Was aber wird dort ausgestellt? Keuler blinzelt und fragt: "Haben Sie Höhenangst?" Eigentlich ja, doch die Neugier überwiegt. Über in die Wand eingelassene Eisen geht es hinauf auf den Dachboden. Was folgt ist Staunen. Unzählige Dokumente in hebräischer Schrift liegen dort verstreut, warten seit mehr als 70 Jahren auf ihr Bergung, Sichtung und Restaurierung. "Vom Thoramantel bis zum silbernen Lesefinger reichen die Fundstücke", sagt Keuler nicht ohne Stolz.

Alles soll gerettet werden, um an das einst intakte jüdische Leben im Brohltal zu erinnern. Die Synagogengemeinde Niederzissen zählte fast 100 Mitglieder. Juden aus Oberzissen, Wehr, Niederdürenbach, Burgbrohl, Weiler und Glees gehörten dazu und beteten in dem Haus, das am 3. September 1844 eingeweiht wurde.

Damit war damals die Niederzissener Synagoge die älteste im heutigen Kreis Ahrweiler. Aber auch den jüdischen Friedhof von Niederzissen gibt es noch. Auch er wird vom Heimat- und Kulturverein, dessen Vorsitzender Keuler ebenfalls ist, betreut.

Keuler kann sich übrigens vorstellen, dass in die alte Synagoge seines Heimatortes ebenso viel Leben kommt wie in ihr Ahrweiler Pendant. Dort gibt es regelmäßig Ausstellungen und Konzerte unter Federführung des Bürgervereins Synagoge. "Das wäre eine richtige Bereicherung für das Brohltal", gibt Keuler optimistisch die Leitlinie vor und zieht an einer Schublade in einem Regal in der Ostwand des Hauses: "Hier war der Thoraschrein."

Das alte Haus birgt noch viele Geheimnisse. Die will Keuler mit Hilfe von Experten ans Tageslicht bringen, auch wenn dieses nur blass durchs Fenster dringt.