Die Lore bewegte den Ton

Heimatforscher Klaus Trenkle berichtet über die Feldbahnen bei Witterschlick

Alfter-Witterschlick. Schnell waren sie nicht. Die Feldbahnen für den Tontransport in Witterschlick und Volmershoven kamen voll beladen gerade einmal auf zehn Stundenkilometer. Aber sie waren jahrzehntelang eine enorme Erleichterung für die Arbeiter, bis Lastwagen den Fuhrpark der Abbaubetriebe modernisierten.

An das weit verzweigte Schienennetz zwischen den Gruben und dem Witterschlicker Güterbahnhof erinnern heute nur noch Reste im Wald entlang der Bahnlinie. Bis auf wenige Ausstellungsstücke in Volmershoven und Witterschlick sind auch die Loren und Grubenwagen aus dem Ortsbild verschwunden.

Einen Einblick in die Ära der Feld- und Grubenbahnen, die in den 90er Jahren zu Ende ging, gibt nun die jüngste Dokumentation von Hobbyheimatforscher Klaus Trenkle. Der 70-Jährige hat historische Bilder aufgestöbert und aktuelle Impressionen fotografiert, verfügbare Informationen gesammelt und Details über die früheren Lokomotiven recherchiert.

Herausgekommen ist ein rund 40 Seiten starkes Kapitel in Heft Nummer 13 seiner Reihe "Beiträge zur Geschichte von Witterschlick". Darin dokumentiert Trenkle auch ausführlich das Bahnhofsfest, das im Juni 2010 anlässlich des 130-Jahr-Jubiläums der Eisenbahnstrecke Bonn - Euskirchen gefeiert wurde.

Abgedruckt ist etwa ein Beitrag aus der Eisenbahnillustrierten vom Oktober 1981 über den damals noch bestehenden, aber bereits stark eingeschränkten Feldbahnbetrieb. Nur wenige Jahre später wurden die letzten Loren auch bei der Firma H.J. Braun Tonbergbau ausgemustert.

"Der Einsatz von Feldbahnen entwickelte sich bereits in den 60er Jahren rückläufig", weiß Manfred Braun, Betreiber der Tongrube "Emma" in Volmershoven. "In eine Lore passten rund 1 000 Kilo Ton hinein, ein Lastwagen dagegen konnte auf einen Schlag 10 bis 15 Tonnen aufnehmen.

Die heute in den Gruben eingesetzten Dumper (Muldenkipper) schaffen 20 bis 30 Tonnen", erklärt der 66-Jährige die Hintergründe für die Umstellung. Das Braun'sche Unternehmen und die Firma Sibelco sind die beiden einzig verbliebenen Abbaubetriebe. Zur Blütezeit der Tongewinnung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählte man fast 60 Firmen, darunter auch Kleinstunternehmen mit zwei bis sechs Mann Belegschaft.

Zum Tonbergbaubetreiber wurde auch Hermann Josef Braun, der Großvater von Manfred Braun. Vor genau 100 Jahren teufte er in Heidgen seinen ersten Kleinschacht ab. "Anfangs stieg man mit Leitern hinunter", beschreibt Manfred Braun das damalige Vorgehen. In Kübeln schaffte man den Ton hinauf und verlud ihn auf Pferdewagen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg lösten erste Feldbahnen die Fuhrwerke ab; die Leitern wurden in den 20er Jahren durch Häspel ersetzt - Seilwinden, mit denen die Tonausbeute heraufgezogen wurde.

Das Feldbahnnetz wurde nach dem Ersten Weltkrieg deutlich dichter. Grubenbesitzer bauten sich ihre eigenen Anlagen oder nutzten die Strecken anderer Betreiber. Die Fördertechnik vereinfachte sich in den 40er Jahren durch Seilfahrtanlagen mit Förderkörben. Damit konnten nicht nur die Arbeiter transportiert werden, sondern auch die Grubenwagen, genannt Hunt.

Im Gegensatz zu den V-förmigen Loren mussten sie für den Untertageeinsatz schlanker sein und wiesen deshalb eine schmale Kastenform auf. Ihr Inhalt - 600 bis 800 Kilo Ton - wurde entweder direkt in den Hunten zur Verladung gebracht oder von Rampen in Loren gekippt, die dann Richtung Güterbahnhof fuhren.

Der letzte Hunt von Witterschlick, bei der Firma H.J. Braun, verließ 1996 den Untertagebau. Die Loren, die Manfred Braun in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ausmusterte, ging an Feldbahnmuseen in Deutschland. "Ich brauchte nichts zu verschrotten", sagt Manfred Braun. Einen Hunt hat er sich für alle Fälle noch behalten.

Das Heft Nummer 13 über das Bahnhofsfest 2010 in Witterschlick und die Feldbahnen ist bei Klaus Trenkle zum Preis von 15 Euro erhältlich. Telefon: 02 28/64 23 53.

Der Tonabbau

Bereits in römischer und mittelalterlicher Zeit wurden die Tonvorkommen im Raum Witterschlick, Volmershoven und Heidgen vereinzelt genutzt, die industrielle Ausbeute für Töpferwaren und Dachziegel setzte Anfang des 19. Jahrhunderts ein. 1880 stieß man in Volmershoven auf den Blauton. Er war aufgrund seiner hohen Feuerfestigkeit ein begehrter Rohstoff. Witterschlick und Volmershoven, bis dahin von der Landwirtschaft geprägte Orte, entwickelten sich zum Industriestandort - vor allem nach dem Bau des Witterschlicker Bahnhofs 1903. Allerorten entstanden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Abbaubetriebe und verarbeitende Fabriken.