Die Frauen retteten den Chor

Der Kirchenchor Cäcilia Heisterbacherrott feiert sein 125-jähriges Bestehen

Heisterbacherrott. Mit Hilfe der Geige wurden die Lieder einstudiert. Und wenn die Herren den Ton so gar nicht trafen, dann strich Dirigent Wilhelm Nietzer im Eifer des Gefechts den Fidelbogen auch schon mal über die Köpfe der Sänger.

Das haben sie ihm offensichtlich nicht krumm genommen. Immerhin war er über 30 Jahre Dirigent und Vorsitzender des Kirchenchores Cäcilia Heisterbacherrott. 1886 hatten sich Männer aus dem Ort zusammengetan, um die Gottesdienste in der Nikolaus-Kapelle mit ihrem Gesang zu verschönern. Jetzt begeht der Chor sein 125-jähriges Bestehen.

Und für das Jubiläumsjahr haben sich die Mitglieder viel vorgenommen. Sie reisen nach Rom und führen ein Chorprojekt durch. Ihr Dirigent Peter Zens feiert ebenfalls ein besonderes Ereignis. Schon 25 Jahre lang lenkt er den Kirchenchor.

Auf der Jahreshauptversammlung überreichte ihm Vorsitzender Frank Wasser als Geschenk einen Taktstock. Bleibt nur zu hoffen, dass der Silberjubilar sich nicht die "Methode Nietzer" zueigen macht. Aber nach den beeindruckenden Aufführungen der letzten Jahre, von der Dvorak-Messe bis zur Missa-Mundi, ist das nicht zu befürchten.

Leider liegen die ersten 60 Jahre der Chor-Geschichte ziemlich im Dunkeln. Alle Unterlagen und auch die 1894 angeschaffte Fahne wurden vernichtet, als 1945 nach Beschuss durch die amerikanischen Truppen das Lokal Lehmacher abbrannte. Auch das Archiv des MGV Gemütlichkeit Heisterbacherrott wurde dabei zerstört. Aus deren alter Festschrift geht hervor, dass der Kirchenchor drei Jahre vor dem MGV gegründet wurde, also 1886. Zu den Sängern der ersten Stunde gehörten neben Wilhelm Nietzer auch Christian Nietzer, Wilhelm Minten, Christian Schonauer, Peter Josef Scheuren und Hermann Thomas.

Zunächst nahm sich ein junger Kaplan der Sängerschar an. Mit Wilhelm Nietzer zog er sich einen Stellvertreter heran, der schon bald ganz die Leitung hatte. Nietzer war ein einfacher Landwirt. Der damalige Rektor Franken bildete ihn aus; bei dem Geistlichen erlernte er auch das Geigenspiel. So erlangte er die Fähigkeit, mit seinem Chor auch vierstimmige Kirchenlieder einzustudieren. Die Proben fanden in Privathäusern statt. Zwei Höhepunkte: Als die Heisterbacherrotter 1890 die Grundsteinlegung und zwei Jahre später die Einweihung ihrer Pfarrkirche Sankt Judas Thaddäus feierten, sang der noch junge Chor.

Wilhelm Nietzer dirigierte bis 1920. Sein Nachfolger wurde Hermann Josef Willnecker, Lehrer aus Thomasberg und ein tüchtiger Musiker. Er schrieb neben verschiedenen Messen auch ein Weihespiel zu Ehren des heiligen Judas Thaddäus, welches nach Art der Passionsspiele einen Sommer lang aufgeführt wurde.

Sogar in die Deutsche Reichszeitung schaffte es der Chor. Sie berichtete 1932 über die Aktivitäten der Sänger zum vierzigjährigen Bestehen der Wallfahrtskirche. Danach gab es eine Talsohle. Die Mitgliederzahl sank. Die Rettung erfolgte durch die Damen: Der Kirchenchor wurde in einen gemischten Chor umgewandelt. Die Frauen und Mädchen hielten den Chor auch am Leben, als alle Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Mit Ersatzdirigenten ging es weiter, bis Peter Zens 1945 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte.

Nun trat der Kirchenchor aber nicht nur im Gotteshaus auf. Der MGV kam nach dem Krieg nicht wieder in Schwung, und so pflegte die Cäcilia neben dem kirchlichen auch das weltliche Liedgut, sang bei Dorffesten, gab Konzerte. Und genoss einen sehr guten Ruf.

Das Fernsehen stellte auch die Welt des Chores auf den Kopf. 1964 beschloss die Generalversammlung, die Proben nicht mehr mittwochs abzuhalten, da dann öfter Sport gezeigt wurde. Die Sänger beteiligten sich an der Renovierung der Nikolauskapelle, die zur 800-Jahr-Feier des Ortes 1973 beendet war, und sie verewigten sich auf der Siebengebirgs-Langspielplatte. 1979 verstarb Peter Zens. Fast 40 Jahre war er Dirigent der Cäcilia.

Peter Zens jun. konnte als Nachfolger gewonnen werden, der nun, nach einer zwischenzeitlichen Unterbrechung aus beruflichen Gründen, sein silbernes Dirigentenjubiläum mit einer stolzen Zahl von 50 Sängerinnen und Sängern im Thaddäus-Treff feiern konnte. Und mit Taktstock ins Jubiläumsjahr des Chores startet.

Das Projekt

Das Chorprojekt "Felsenfest" wird nach Pfingsten gestartet. Dabei handelt es sich um einen Liederzyklus zur Bergpredigt. Den Liedern werden Texte oder Sketche vorangestellt. Unterstützt wird der Chor vom Frauenchor "Nova Cantica" aus Urfeld und von Instrumentalisten. Außerdem lädt der Kirchenchor Interessierte jeder Altersklasse aus der katholischen und evangelischen Gemeinde ein, als Projektsänger mitzumachen. Aufführung ist am 20. November. Der Beginn des genauen Probentermins wird noch bekanntgegeben.