GA-Serie "Rheinische Redensarten"

Der hät de Röggelsche wärm

Der ist betrunken.

Der ist betrunken.

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir bedeutungstiefe Redewendungen.

Unter den rheinischen Redensarten gibt es – wie im echten Leben auch – die weniger Beachteten und die waschechten Stars. Letztere sind Formulierungen, die gerne genutzt werden, schön klingen oder vielleicht sogar Eingang ins heimische Liedgut gefunden haben. Alle drei Charakteristika weist unser Satz auf: „Der hät de Röggelsche wärm.“ Wobei hier die Popularität noch lange nichts darüber verrät, wie stringent sich solch ein Satz übersetzen und erklären lässt. Was zum Teufel bedeutet es „de Röggelsche wärm“ zu haben.

Da müssen wir einmal die experimentelle Begriffsarchäologie bemühen: Das Röggelchen ist ein typisch rheinisches Brötchen, das hauptsächlich aus Roggen gebacken wird. Es wurde in Zeiten beliebt, als Weizen ein teures Getreide und Roggen günstig war. Besonders erwähnenswert ist die klassische Form des Röggelchen, das wie zwei kleine längliche Brote aneinander gebacken wird. Apropos Backen: Das Ganze erinnert ein wenig an ein handelsübliches Hinterteil. Und damit haben wir auch schon das Signalwort ausgesprochen. Wir nähern uns mit Riesenschritten der hochdeutschen Übersetzung: Der hat den Hintern warm.

So kommt es auch in dem bekannten Seniorenversteherlied „He deit et wih“ von den Bläck Fööss vor. „Et Föttche wohr heiss, un de Röggelsche wärm.“ Nach allem, was wir bisher wissen, wäre diese Zeile eine inhaltliche Doublette, oder wie man in der Literaturwissenschaft so schön sagt: eine philologische Verdopplung. Tatsächlich ist es aber eine Steigerung, wenn man bedenkt, was die Redensart tatsächlich ausdrückt. Denn es geht am Ende um einen Kneipenbesucher, der so lange an der Theke gesessen hat, dass er einen warmen Hintern hat und quasi wegen des langen Sitzens ordentlich einen sitzen hat. Kurz: Der Zeitgenosse ist ziemlich amtlich betrunken. Und genau dann sagt man, er hat de Röggelsche wärm. Erstaunlich, dass dies mit einer Kulinarie erläutert wird, die sonst im Rheinland in Verbindung mit Käse, Zwiebeln, Senf als die identitätsstiftende Spezialität „Halver Hahn“ firmiert.

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und im Handel zu haben.