Der Mörder kam zur Mittagszeit

Vor 125 Jahren wurde Erich Klausener geboren - Ein SS-Scherge tötete den ehemaligen Adenauer Landrat in Berlin

Kreis Ahrweiler. "Suchen Sie Klausener und erschießen Sie ihn." Sieben Worte von Reinhard Heydrich bedeuteten am 30. Juni 1934 das Todesurteil für den Mann, dessen Geburtstag sich vor wenigen Tagen zum 125. Mal jährte.

Erich Klausener gilt als Figur des katholischen Widerstandes im Dritten Reich. Er war Vertrauter von Vize-Kanzler Franz von Papen und von 1917 bis 1919 Landrat des damaligen Kreises Adenau. Heute erinnert ein Bild im Ahrweiler Kreishaus an den Mann, der im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches von einem SS-Schergen hinterrücks gemeuchelt wurde - in seinem Dienstzimmer im Berliner Verkehrsministerium, sechs Tage nach seiner letzten Rede vor der Katholischen Aktion im Hoppegarten.

Erstmals im Kreis Ahrweiler wird an dieser Stelle der Name des Mörders genannt. Es war der SS-Hauptsturmführer Kurt Gildisch. Ihm gab der Chef des Reichssicherheitshauptamtes am 30. Juni 1934 um 10 Uhr den verhängnisvollen Befehl. Was dann geschah, hat der französische Historiker Max Gallo in seinem Buch "La nuit des longs couteaux" (Die Nacht der langen Messer) rekonstruiert:

13 Uhr: Vor dem Verkehrsministerium fragt SS-Hauptsturmführer Gildisch nach Ministerialdirektor Klausener. Langsam steigt Gildisch die Treppe hinauf und begegnet Klausener, der sich soeben die Hände gewaschen hat. Klausener sieht Gildisch und erkennt zweifellos sofort die Bedrohung.

Einen Stock höher, im Büro des Ministerialdirigenten Othmar Fessler, läutet das Telefon. Es ist Klausener, seine Stimme klingt ängstlich: "Kommen Sie bitte sofort zu mir." Fessler verlässt etwas erstaunt sein Büro, aber es ist schon zu spät. Gildisch ist in das Zimmer von Klausener getreten, und als Klausener sich, erstaunt darüber, verhaftet zu sein, umwendet, um seinen Hut zu nehmen, schießt Gildisch. Ein Schuss in den Kopf.

Dann ergreift er das Telefon, erstattet kurz Bericht und bittet um weitere Befehle. Selbstmord vortäuschen. Also drückt er Klausener seine Pistole in die Hand. Gildisch verlässt den Raum, sieht sich nicht einmal mehr um, hört aber noch den Amtsdiener mit entsetzter Stimme zu Fessler sagen: "Der Herr Direktor hat Selbstmord begangen, er hat sich eine Kugel in den Kopf gejagt."

Bei einer Pressekonferenz führte Innenminister Hermann Göring den Vorfall jedoch neben anderen Taten als "bedauerlichen Irrtum" an. Insbesondere von katholischer Seite gab es empörte Reaktionen. Juristisch wurde eine Schadensersatzklage gegen das Deutsche Reich und das Land Preußen erhoben.

Es erfolgten jedoch erhebliche Repressalien. So wurden die mit der Sache betrauten Anwälte Werner Pünder und Erich Wedell in sogenannte Schutzhaft verbracht. Und: Ein Vetter von Klausener, Leo Statz, Düsseldorfer Fabrikant, wurde am 1. November 1943 von den Nationalsozialisten nach einem Urteil des Volksgerichtshofes unter Vorsitz von Roland Freisler wegen "Wehrkraftzersetzung" ermordet.

Klausener ist nicht das einzige Opfer des 30. Juni 1934, an dem auch fast die komplette Führung der SA exekutiert wurde. Schon Wochen vorher hatte die Gestapo von Göring Listen mit Nummern, die sich auf bestimmte Personen bezogen, erhalten. Während Gildischs 18-köpfiges Mordkommando diese "abarbeitet", servieren livrierte Lakaien Göring und Himmler Getränke.

Zeitsprung: Beinahe wäre der Mord an Klausener ungesühnt geblieben. Doch wurde 1949 dem damals 45-jährigen Gildisch seine Prahlerei zum Verhängnis. Im Jahr der Gründung der Bundesrepublik wurde er an einem Berliner Bahnhof von einem alten Bekannten erkannt, vor dem er sich 1934 des Mordes an Erich Klausener gebrüstet hatte.

Der Mann zeigte den SS-Mann, der im Krieg zur Division Nordland gehörte und ein Bein verloren hatte, bei der Polizei an. Gildisch wurde verhaftet und nach einem Verfahren beim Landgericht Berlin in den Jahren von 1951 bis 1953 vom Schwurgericht Berlin am 18. Mai 1953 wegen Mordes an Klausener zu einer Zuchthaustrafe von 15 Jahren verurteilt. Die lange Haft blieb ihm erspart, er starb noch im selben Jahr.

Gildisch wurde vergessen. Klausener jedoch nicht. Das Adenauer Gymnasium trägt seinen Namen. Zu Ehren von Klausener gab die Deutsche Bundespost am 8. Mai 1984 eine Briefmarke heraus. Die Stadt Berlin erinnert an Klausener mit einer Gedenktafel in der Keithstraße 8 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg sowie in der Behrenstraße im Bezirk Mitte. Auch haben etliche Städte in Deutschland Straßen, Plätze oder, wie Adenau, Schulen nach Klausener benannt.

Auch gibt es heute bundesweit den Klausener-Bund, eine Gesellschaft zur Pflege christlicher Weltanschauung. Das passt wieder zu Adenau, denn die Bürger der einstigen Wirkungsstätte des Landrates halten ihn hoch in Ehren - wegen seines Eintretens für den katholischen Glauben. Da passt es nur zu gut, dass eine mögliche Seligsprechung Klausener durch den Papst von Theologen bereits thematisiert wurde.

Die Karriere eines Mörders

1925 trat Kurt Gildisch (Jahrgang 1904) in die Berliner Schutzpolizei ein. Nachdem sein Ruf dort bereits seit einigen Jahren aufgrund von starker Unachtsamkeit und einem Hang zum Alkohol gelitten hatte, wurde er 1931 wegen seiner Verbindungen zur NSDAP entlassen.

Nach seinem Ausscheiden aus der Polizei trat Gildisch der NSDAP offiziell bei (Mitgliedsnummer 690 762). Nachdem er kurzzeitig der Sturmabteilung (SA) angehört hatte, trat Gildisch Ende 1931 in die Schutzstaffel (SS) ein (Mitgliedsnummer 13 138). Im April 1933 wurde Gildisch zum Kommandeur des Führerbegleitkommandos, der Leibwache Adolf Hitlers, ernannt.

Aufgrund von massivem Alkoholismus wurde er im Juni 1934 durch Himmler aus dieser Position wieder entfernt. Zuvor war er zum Sturmführer (1. Juli 1933), SS-Obersturmführer (1. September 1933) und SS-Hauptsturmführer (9. November 1933) ernannt worden.