Das Rätsel um Siegfrieds blutigen Kampf

Ob die Sagengestalt am Drachenfels den Lindwurm erschlug, beschäftigt seit jeher Forscher - und Märchenerzähler

Siebengebirge. Zu beiden Seiten ragende Tuffwände, dazwischen ein tiefeingeschnittener, feuchtschattiger Graben. Das klingt - zumal in Kinderohren - erst einmal weder sonderlich geheimnisvoll, geschweige denn sagenhaft. Heißt es aber: "Kommt, wir erkunden das Nachtigallental", dann dürfte damit der familiäre Konsens über die Freizeitgestaltung schon etwas leichter zu erzielen sein. So war es vor dreieinhalb Jahrzehnten, und so funktioniert es bis heute.

Zugegeben, das Siebengebirge macht es "Reiseleitern" leicht. Drachenfels, Wolkenburg, Löwenburg, Nonnenstromberg, Einsiedlertal, Rosenau, Auge Gottes, Zinnhöckchen, Jungfernhardt... - allein die Namen vieler Orte im Siebengebirge klingen wie Märchen.

Hohlweg und kleine Höhlen regen im Nachtigallental Phantasien an, und noch immer halten viele Kinder den Willi-Ostermann-Gedenkstein für ein kühles Grab. Wie gut, dass da die Sage von Siegfried, der einst doch nur einen Steinwurf entfernt den Drachen erschlug, für rasche Abwechslung sorgt.

Hintergrund Der Drachenfels und die Nibelungensage

Neben dem Drachenfels im Siebengebirge und in der Pfalz brüsten sich noch weitere gleichnamige Orte in Deutschland damit, Schauplatz des grausamen Kampfes gewesen zu sein. Ohnehin ist der Stoff der Nibelungensage bis heute schwer zu greifen. So wurde das Heldenepos in Mittel- und Nordeuropa über Jahrhunderte in zahlreichen voneinander abweichenden Fassungen überliefert, deren Inhalte sich wiederum mit anderen Sagen vermischen.

So etwa mit der Sage von Dietrich von Berg (Thidrekssaga), die im 13. Jahrhundert - wiederum nach älteren Vorlagen - aufgezeichnet wurde. Der Forscher Heinz Ritter-Schaumburg vertritt in seinem Buch "Die Nibelungen zogen nordwärts" die These, dass es sich bei der Thidrekssaga nicht um eine Märchensammlung handelt, sondern tatsächlich um eine ursprünglich deutsche Chronik, die die Begebenheiten des 5./6. Jahrhunderts mit großer Genauigkeit wiedergibt.

So weist Ritter-Schaumburg die Ortsangaben der Thidrekssaga als existent nach und stellt fest: Siegfried, Hagen, Brünnhilde, König Attila und Dietrich von Bern waren historische Gestalten, die in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts im heutigen Rheinland, West- und Ostfalen wirkten. Die wichtige Frage, wo nun der Kampf mit dem Drachen stattgefunden hat, bleibt auch bei Ritter-Schaumburg offen.

Und so hat manchen jungen Siebengebirgsbesucher die packende Sage vom Drachentöter von den eigenen müden Beinen abgelenkt. Aus Vätermund klingt das meistens etwa so: Siegfried war von seiner Heimatstadt Xanten aus rheinaufwärts in die Welt gezogen, beim Schmiedemeister Mime in die Lehre gegangen und kam nun mit dem selbstgeschmiedeten Schwert Balmung an einem Dorf am Rhein vorbei, dessen Einwohner in Furcht und Schrecken lebten, weil sie von einem feuerspeienden Drachen terrorisiert wurden.

Siegfried, bar jeder Angst, steigt über herumliegende Menschenknochen zur Drachenhöhle hinauf, tötet den Drachen und nimmt ein Bad in dessen Blut, das ihn daraufhin unverwundbar macht. Fast jedenfalls. Je nach Länge der Wanderstrecke und Alter des Nachwuchses kann auch noch erzählt werden, wie Siegfried weiter nach Worms zieht, Kriemhild heiratet, in die schmutzigen Intrigen der Burgunder hineingezogen wird, von Hagen gemeuchelt wird - und am Ende sind sie alle tot.

An Siegfried und seinen Kampf mit dem Drachen erinnern am Drachenfels eigentlich nur zwei Orte: Zum einen das Nibelungenzimmer auf Schloss Drachenburg; zum anderen Marlies Blumenthals Nibelungenhalle, ausstaffiert mit den Gemälden von Hermann Hendrich (1854-1931), unterlegt mit Klängen von Richard Wagner und bereichert um eine "echte", düstere Drachenhöhle, an deren Ende der gewaltige, von dem Bildhauer und Architekten Franz Josef Krings geschaffene Steindrache lauert.

Ansonsten gibt es am Drachenfels natürlich noch vieles mehr, das märchenhaft anmutet: Die Esel und die Jahrmarktbelustigungen, das früher allzu düstere und neuerdings recht schmucke Schloss Drachenburg, die Zahnradbahn, den verfallenen Burghof, die Ausblicke auf den Rhein und nicht zuletzt die Ruine der im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Burg auf dem Gipfel.

Dass dort einst ein Drache gehaust haben soll, "belegen" auch andere Varianten der Sage, in denen dann aber Siegfried nicht auftaucht. Eine weitere Fassung etwa berichtet von der schönen Christenjungfrau, die dem Drachen als Opfer zum Fraß vorgeworfen werden sollte, durch das Kreuz auf ihrer Brust aber gerettet wurde, denn der Drache stürzte sich bei diesem Anblick hinab in den Strom.

Nach einer eher technokratischen Version wurde es dem Drachen zum Verhängnis, dass er ein mit Schießpulver beladenes Schiff auf dem Rhein angriff, welches er dann mit seinem feurigen Atem zur Explosion gebracht habe. Dabei sei sowohl das Schiff versenkt als auch der Drache getötet worden.

Sofern also jemals ein Drache am Siebengebirge gehaust hat, so wurde ihm in allen Varianten auf verschiedene Arten der Garaus gemacht. Keineswegs verlässlichere Indizien gibt es indes dafür, dass es wirklich Siegfried war, der den Drachen getötet und dass dieser Kampf auch just an "unserem" Drachenfels stattgefunden hat.

Übrigens, und das für diejenigen, die Sagen nicht so viel abgewinnen können: Der Name "Drachenfels" leitet sich etymologisch vermutlich vom Quarz-Trachyt ab, der an dem Berg gewonnen wurde, um als Baustoff zu dienen. Bei Trachyt wiederum handelt es sich zweifellos um vulkanisches Gestein - womit wir also wieder beim Feuerspeien wären.