Kriegsende in Flensburg

Das Nachspiel an der Förde

FLENSBURG. Erst am 23. Mai 1945 nahmen die Alliierten die letzte geschäftsführende deutsche Regierung fest. In den zwei Wochen nach der Kapitulation herrschte sie über einen kleinen Landstreifen am Rand der Stadt Flensburg.

Die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs. So steht es in allen Geschichtsbüchern. Doch das Ende des Dritten Reichs zog sich hin.

Eine geschäftsführende Regierung unter Großadmiral Karl Dönitz machte im „Sondergebiet Mürwik“ am Rand der Stadt Flensburg noch 14 Tage weiter. Das Hoheitsgebiet entlang der Ostseeküste war zwei Kilometer breit und sieben Kilometer lang.

Die letzte Episode des Hitler-Reichs stellte Weichen bis weit in die Nachkriegszeit. Am 23. Mai 1945 beendete die britische Besatzungsmacht den Spuk. Die Bilder von der Festnahme gingen um die Welt.

Die Situation im äußersten Norden Deutschlands war in den ersten Maitagen 1945 so hoffnungslos wie überall in Mitteleuropa. Flensburg war intakt, aber die Normalität längst zusammengebrochen.

Mehr als 250 Schiffe ankerten in der Förde, rund 25.000 Menschen vegetierten an Bord. Die Musikdampfer, Barkassen, Schlepper und Kriegsschiffe hatten Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern in den letzten freien deutschen Hafen gebracht.

Zu Tausenden lagerten die erschöpften, kranken, verletzten und ausgehungerten Frauen, Kinder und alten Menschen überall in der Stadt. Niemand hatte noch einen Überblick, wer da kam und ging, starb oder lebte.

Züge mit KZ-Häftlingen rollten in den Bahnhof. Versprengte Truppenteile, SS-Verbände besetzten öffentliche Gebäude und drängten in die Kasernen und Barackenlager.

In der Hauptpost nahm der Reichssender Flensburg seine Arbeit auf, pompöser Name für die Funkanlage einer Nachrichteneinheit, die am 9. Mai um 20.03 Uhr die historische Meldung verbreitete: „Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen.“ Dies war der letzte Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht, das in einem Bauernhof im Dorf Kollerup bei Flensburg residierte.

Die Stimmung in der Stadt schwankte zwischen Verzweiflung und Euphorie. Niemand wusste, ob er nicht morgen schon tot, verhaftet oder in Gefangenschaft sein würde. Daher tanzte man auf dem Vulkan.

In den Bunkerkatakomben feierten Männer und Frauen wilde Orgien, angefeuert von Alkohol und Drogen, die reichlich verfügbar waren. Die mörderische Disziplin löste sich auf.

Dönitz war seit dem Morgen des 3. Mai in Flensburg, wo seit 1910 die Marine ihre Offiziere ausbildete. Die weitläufige Anlage der Schule war die Zentrale des Großadmirals. Der Marinechef war strammer Nationalsozialist und seinem Führer treu ergeben, der ihn in sein Amt eingesetzt hatte. Immerhin begriff er die Lage Deutschlands und war bereit, den Krieg zügig zu beenden.

Gleichzeitig wollte er Zeit gewinnen, um so viele Flüchtlinge und Truppen wie möglich aus dem Einflussbereich der Roten Armee herauszuführen. Die Evakuierungen über die Ostsee liefen daher unvermindert weiter, aber Hamburg wurde nicht mehr verteidigt und die Werwolf-Aktionen abgeblasen.

Mit Dönitz' Rückzug nach Flensburg wurde die Stadt zum Anlaufpunkt versprengter Nationalsozialisten, die nicht nach Süden ausgewichen waren und die wie Heinrich Himmler die Illusion hegten, mit den Alliierten über die eigene Zukunft und die des geschlagenen Reiches verhandeln zu können.

Himmler brachte 150 SS-Männer und Gestapo-Leute mit, darunter die Führungsriege der Konzentrationslager, Männer wie Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß oder den Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf.

NS-Chefideologe Alfred Rosenberg trank in der Offiziersmesse, Albert Speer bezog Quartier im Schloss Glücksburg. Alfred Jodl, Wilhelm Keitel und Hans-Georg von Friedeburg vertraten die Spitze der Wehrmacht und der Kriegsmarine. Dönitz bildete am 5. Mai eine zivile geschäftsführende Regierung.

In den Kapitulationsverhandlungen gelang es seinen Unterhändlern, für diese Regierung ein Staatsgebiet zu reklamieren, das Sondergebiet an der Flensburger Förde. 400 Soldaten sollten unter Waffen bleiben.

Die Alliierten ließen Dönitz gewähren, weil sie offenbar noch nicht einzuschätzen wussten, ob ihnen diese seltsame Regierung noch nützlich sein könnte. Als Faustpfand gegenüber den Sowjets zum Beispiel, die Berlin besetzt hatten, oder als Ordnungsfaktor bei einem Neubeginn.

Die Regierung zog in die Marinesportschule in Mürwik. Ein Besprechungsraum der Übungsleiter wurde Kabinettssaal und gleich nebenan am Ende des Flurs im ersten Stock nahm Dönitz sein Dienstzimmer.

Doch was sollte diese Regierung noch tun? Albert Speer erinnert sich an eine inhaltsleere Routine täglicher Sitzungen. Man verfasste Pläne für die Zukunft eines Staates, den es nicht mehr gab, lauter Luftschlösser. Denn nur innerhalb der Enklave gab es noch so etwas wie Macht.

Dönitz nutzte sie für absurde Entscheidungen und letzte mörderische Untaten. Alfred Jodl verlieh er am 10. Mai das Ritterkreuz mit Eichenlaub. Noch am 11. Mai ließ die Marine Todesurteile gegen angebliche Deserteure vollstrecken.

Am 14. Mai wurden die Hitlerbilder in den Amtsstuben abgehängt und das öffentliche Singen von Naziliedern untersagt. Pfeifen blieb erlaubt. Auf dem Flensburger Friedhof fand ein letztes Staatsbegräbnis für Fregattenkapitän Wolfgang Lüth statt. Der Kommandeur der Marineschule war von einem Posten erschossen worden, weil er sich volltrunken nicht mehr an die Parole erinnern konnte, die er selbst ausgegeben hatte.

Während die Regierung ihren Illusionen nachhing, waren andere mit viel Realismus bei der Sache. Zahlreiche Nazis bereiteten ihre Flucht vor. Zu Tausenden versorgte die SS, die Marine und die Wehrmacht sie mit falschen Papieren, Zivilkleidung oder Uniformen. Heinrich Himmler war der prominenteste unter ihnen.

Rudolf Höß tauchte als Landarbeiter in einem Dorf bei Flensburg unter. Andere fanden sich Jahre später mit ihrer neuen Identität in Südamerika wieder. In einem Ladengeschäft in Flensburg begann der Suchdienst des Roten Kreuzes seine Arbeit.

Am 13. Mai zogen die Briten in Flensburg ein. Sie begriffen offenbar schnell, welche hohe Zahl von gesuchten Kriegsverbrechern sich im nahen Mürwik aufhielt. Die erste Verhaftung betraf Wilhelm Keitel.

Es folgten zwei Regierungsmitglieder und dann Alfred Rosenberg, der sich betrunken das Bein verstaucht hatte und im Lazarett der Marineschule behandelt wurde. Die Briten rückten mit Panzern in die Enklave ein und holten den NS-Chefideologen und Massenmörder aus dem Bett.

Nach der Verhaftung Rosenbergs und eines aggressiven Auftritts von Dönitz und Jodl beim Flensburger Kontrollrat beschlossen die Alliierten, die Regierung aufzulösen.

Am 23. Mai morgens ließen sie Jodl, von Friedeburg und Dönitz in der Bar des ehemaligen Hapag-Musikdampfers „Patria“ antreten – dort an der Mole vor der Marineschule residierten die Besatzer. Sie teilten den Dreien das Ende der geschäftsführenden Regierung und ihre Festnahme mit.

Gleichzeitig begann die Verhaftung in der Marinesportschule – vor den Augen der Weltpresse, die eigens mit Fliegern von Paris nach Flensburg gebracht worden war.

Dönitz hatte geahnt, was kommen würde, und sich für diesen Tag eine neue Uniform zugelegt. Er stritt sich mit den Alliierten, wie viele Koffer er mitnehmen durfte und ob er seine Orden würde anlegen können.

Speer, der ebenfalls ahnte, was kommen würde, hatte die Uniform abgelegt und trat bewusst im Trenchcoat auf. Seine Verteidigungsstrategie nahm hier den Anfang: Er spielte den guten Nazi, den Zivilisten. Das rettete ihm letztlich das Leben.

Von Friedeburg fuhr in die Kaserne zurück und vergiftete sich. Himmler nahm sich am gleichen Tag in Lüneburg mit Zyankali das Leben, nachdem die Briten ihn auf der Flucht gefangen gesetzt hatten.

Unweit von Flensburg vollstreckte ein Standgericht letzte Todesurteile gegen junge Soldaten, die einfach nur nach Hause gehen wollten. Die Bilder von Dönitz, Jodl und Speer im Hof des Flensburger Polizeihauptquartiers gingen um die Welt.

So absurd die geschäftsführende Regierung anmuten mag, so wenig sie sich von Nationalsozialismus, Gewalt und Verbrechen zu distanzieren vermochte: Immerhin beendete sie schnell den Krieg. Alternativen hatte sie glücklicherweise nicht mehr, sonst hätte Dönitz sie vermutlich genutzt.

Ein kurioses Nachleben hat die Mürwiker Episode in einer staatsrechtlichen Debatte der folgenden Jahrzehnte: Sie beschäftigte sich mit der Frage, ob das Deutsche Reich je aufgehört habe zu bestehen, da ja nur die Wehrmacht 1945 kapitulierte. Fußnoten der Geschichte und bis heute Teil eines ideologischen Konstrukts der extremen politischen Rechten.

Die Schauplätze der letzten 20 Tage in Flensburg sind noch zu sehen: Der Hoftrakt der Polizei mit den Zellen, die Marineschule, das Gebäude der Marinesportschule, die Gräber Lüths und von Friedeburgs – und der Schießstand, wo die Todesurteile vollstreckt wurden.

Eine Erinnerungstafel gibt es nicht. Man tut sich im Norden schwer mit dieser Vergangenheit.