Das Ende der Kreidezeit an der Gesamtschule Troisdorf

<b>Wie ein überdimensionaler Bildschirm</b> sieht das Smartboard aus, an dem ein Schüler der Gesamtschule Troisdorf gerade mit einem speziellen Stift einen Lückentext ergänzt.

<b>Wie ein überdimensionaler Bildschirm</b> sieht das Smartboard aus, an dem ein Schüler der Gesamtschule Troisdorf gerade mit einem speziellen Stift einen Lückentext ergänzt.

Schule stattet Klassenräume mit interaktiven Tafeln aus und zählt damit landesweit zu den Vorreitern

Rhein-SIEG-Kreis. Stefan ist als Erster dran. Er soll die Ergebnisse seiner Gruppe zu den Beziehungen in Schillers Don Carlos vorstellen. Dazu zückt er einen USB-Stick und schiebt ihn in den Rechner des nagelneuen Smartboards im Klassenraum.

Sein Finger wird zur Computermaus: Per Doppelklick öffnet er auf dem Touchscreen das zu Hause erstellte Dokument und lässt seine Mitschüler die vorbereiteten Stichworte auf der interaktiven Tafel sehen.

Die städtische Gesamtschule Troisdorf hat die "Kreidezeit" hinter sich gelassen. Für 140 000 Euro hat sie 37 Smartboards angeschafft und während der Sommerferien in den Klassenräumen installieren lassen.

Ende des Jahres kommen zehn weitere für die übrigen Räume hinzu. Bereits jetzt verfügen laut Schulleiter Joachim Thomas alle 30 Klassen der Sekundarstufe I über die auch "interaktive Projektionsflächen" genannten Geräte, die Beamer, Laptops, Projektoren, Fernseher und Videorekorder überflüssig machen sollen.

Filme - per DVD oder über den schuleigenen Server - können auf der interaktiven Tafel abgespielt werden und über den kleinen Rechner an der Seite des Boards ist man mit ein paar Klicks im Internet.

Der Lehrer kann seinen Schülern Dokumente per E-Mail senden, ihnen im Erdkunde-Unterricht mit Google Earth variable Kartenausschnitte präsentieren oder Lückentexte zur Wiederholung des Lernstoffs vorbereiten, die die Schüler an dem Board per Hand oder mit einem speziellen Stift ergänzen können. Die Software erkennt handschriftlich Geschriebenes und kann es in Druckbuchstaben umwandeln.

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Die Idee, die interaktiven Tafeln einzuführen sei bei Schülern, Lehrern und Eltern "wie ein Knall explodiert", sagte Schulleiter Thomas. Diskussionen habe es nur über die Frage gegeben, welches Modell anzuschaffen sei und in welcher Reihenfolge die Klassen ausgerüstet werden sollten.

Sechs Jahre lang habe die Schule Mittel aus dem Projekt "Selbstständige Schule" gespart, bei dem sie Geld vom Land bekam, wenn sie nicht zu hundert Prozent mit Stellen versorgt werden konnte. Ursprünglich wollte die Schule davon Laptops und Beamer anschaffen, aber die interaktiven Tafeln machten die Pläne hinfällig.

Weitere 7 000 Euro investierte die Schule für die Erweiterung des Leitungsnetzes für die neue Technik. Auch die Fortbildung des Kollegiums muss sie bezahlen. Dafür zählt sie nun landesweit zu den Vorreitern. Der Medienberatung NRW, die Schulen und Träger zu Lern-IT und speziell auch zu interaktiven Tafeln berät, ist keine andere städtische Schule bekannt, die flächendeckend solche Boards installiert hat.

In angelsächsischen Ländern und in den Niederlanden sei die Arbeit mit interaktiven Tafel dagegen sehr üblich, weiß Thomas. Allerdings dürften in Holland nur die Lehrer diese bedienen. In Troisdorf sollen auch die Schüler ran.

Kritiker äußerten Bedenken, dass mit den modernen Tafeln zu viel frontal unterrichtet werde und sie vom selbstständigen Lernen ablenkten, räumte Thomas ein. "Mein Eindruck ist aber: Die zwei Ansätze lassen sich ergänzen." Und auch die alten Kreidetafeln bleiben erhalten. Nicht aus Wehmut, sondern weil der Abbau kosten würde: 300 Euro pro Stück.

Umfrage an anderen Schulen: Die alte Kreidetafel hat auch Vorteile
  • "Ein Smartboard in jedem Klassenraum, da sind wir leider weit von entfernt", meint Jürgen Franz, Schulleiter des Rhein-Sieg-Gymnasiums Sankt Augustin. Dafür fehle einfach Geld. Die Schule besitze zwar drei der interaktiven Tafeln fürs PC-Labor, Selbstlernzentrum und die Naturwissenschaften, aber ansonsten werde mit Kreide geschrieben.

    "Meine große Vision ist es, einen Overhead-Projektor in jedem Raum zu haben", lacht Franz und legt sich für die Kreidetafel ins Zeug: "Sie ist relativ groß, mit den Flügeln kann man das, was innen steht, verdecken und man kann sie hoch und runterschieben. Das ist doch auch was Liebenswertes!"

  • "Es gibt Erfindungen, die kann man nicht verbessern", findet Thomas Scholz, Schulleiter der Gemeinschaftshauptschule Neuenhof in Siegburg. "Die Kreide hat man direkt in der Hand und keine Technik, die kaputt gehen kann. Und ein dynamisches Tafelbild, das sich in der Stunde entwickelt, ist was Wunderbares!"

    In einigen Räumen gebe es Whiteboards, auf die Schüler und Lehrer mit löslichen Stiften schreiben können, "aber die stoßen nicht auf so viel Liebe", sagt Scholz. Es sei rutschig beim Schreiben und oft würden die Tafeln nicht richtig sauber. Neue Medien wie Beamer und Laptops ergänzten zwar das Angebot in der Schule, "aber ich würde nicht auf die Idee kommen, auf Kreide zu verzichten".

  • Bei den Whiteboards sieht auch Erika Rollenske Nachteile. Diese seien meist kleiner und hätten auch keine Rechenkästchen wie die Tafel, sagt die Leiterin der Kopernikus-Realschule Hennef. Bei Projektoren sei die Lesbarkeit je nach Licht oft schlechter. Im neuen Physikraum der Schule steht ein Smartboard, "aber wir schaffen auch weiterhin Tafeln für Klassenräume an", sagt Rollenske, "und da stehen wir auch zu".
  • Für Karl Christian Kohlmeyer, stellvertretender Direktor am Gymnasium Alleestraße ist der Unterrichtsgegenstand entscheidend dafür, ob etwa Beamer oder Tafel zum Einsatz kommen. "Auf einer Tafel kann ich mal eben schnell eine Skizze machen oder auch ein sehr großes Tafelbild entwerfen, wofür mir sonst der Platz fehlt." In der Informatik nutze die Schule der staubempfindlichen Geräte wegen Flipcharts statt Kreidetafeln.

    Auf die Stative lassen sich Papierbögen einklemmen und mit dicken Filzstiften beschreiben. Der Vorteil laut Kohlmeyer: Der Lehrer kann nochmal zurückblättern, wenn die Schüler etwas nicht verstanden haben. Umweltfreundlicher hingegen ist wiederum die Kreidetafel: "Da hat man keinen Plastikmüll, das Stümmchen schmeißt man einfach in den normalen Müll."