Chopins erstes Konzert erklang in Schlesien

Heisterbacherrott. Vor genau 180 Jahren gab Frédéric Chopin sein erstes Konzert. Der Komponist weilte mit Mutter und Schwestern zur Kur in Reinerz.

Der Aufenthalt im schlesischen Badeort in der Grafschaft Glatz sollte dem 16-Jährigen, der im Frühjahr an lang anhaltenden Kopfschmerzen und Drüsenschwellungen gelitten hatte, ebenso wie seiner tuberkulösen jüngeren Schwester neue Kraft schenken.

Seinem Briefwechsel mit seinem Freund und Lehrer Joseph Elsner ist zu entnehmen, dass er etwas stämmiger und zugleich träger geworden sei und dass behauptet werde, er sähe besser aus. Entzückt zeigte er sich über "die prachtvollen Landschaftsbilder". Aber alle Schönheiten des Kurortes könnten eines nicht ersetzen: ein passables Instrument. "Stellen Sie sich vor, dass es hier kein einziges gutes Klavier gibt", formulierte er.

Dennoch entschloss sich Chopin zu einem ersten öffentlichen Konzert, das am 26. August 1826 stattfand. Aus einem mildtätigen Grund: Zwei junge Mädchen weilten mit ihrer Mutter ebenfalls in Reinerz. Als diese plötzlich verstarb, gerieten die beiden Waisen in große Not. Chopin hatte solch ein Mitleid, dass er zugunsten dieser Mädchen ein Konzert veranstaltete.

Es bescherte ihm einen enormen Erfolg, der ihm Ansporn war für seine weitere Künstlerlaufbahn. Im Kurtheatersaal erinnert eine Tafel an dieses Ereignis. Seit sechzig Jahren sind in Bad Reinerz, heute der polnische Festspielort Duszniki Zdrój, immer im August Chopin-Wochen.

Das regte Gerhard Blaschke, Mitglied des Fördervereins Haus Schlesien und großer Musikliebhaber, an, ein Chopin-Konzert im Haus Schlesien zu organisieren und zu sponsern. Der Kölner konnte die japanische Pianistin und Dozentin Junko Shioda gewinnen, die vor über 200 begeisterten Besuchern Werke des Komponisten spielte.

Dabei musste sie, anders als Chopin, nicht über ein schlechtes Instrument klagen. Denn die Interpretin seiner Musik konnte sich an einen Flügel setzen, der nicht nur der Weltmarke "Steinway and Sons" entsprang, sondern auch eine Geschichte hat.

Dieser Steinway stand fast ein halbes Jahrhundert im "Haus Wiesenstein" des Literatur-Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann in Agnetendorf im schlesischen Riesengebirge. Wie der Flügel des Dichters der "Weber" im Jahre 2003 ins Haus Schlesien gelangte, ist eine abenteuerliche Geschichte für sich. Er wurde mit einem der letzten Transporte in den Westen geschafft, blieb im Familienbesitz. Mit Hilfe der Erika-Simon-Stiftung konnte Haus Schlesien den Flügel von Hauptmanns Urenkel als Dauerleihgabe erwerben.

Das Publikum ließ sich nun von den Klängen gefangen nehmen, die Junko Shioda dem speziell für Hauptmann gefertigten Instrument entlockte. Sie begann mit "Premier Rondeau" in c-moll aus dem Jahre 1825, das Chopin selbst zu seinem Opus 1 bestimmte.

Dem folgten drei frühe Mazurken aus den Jahren 1820 und 1826. Zwei zum Besten gegebene Polonaisen stellen die ersten vom Vater aufgezeichneten Versuche des erst siebenjährigen Chopin dar.

Die "Adieu" genannte Polonaise indes entstand vor der Reise nach Reinerz. Kritiker attestierten anhand dieser frühen Werke Chopin einen gefestigten, glatten Stil, dem kaum etwas Schülerhaftes anhafte.

Die japanische Pianistin präsentierte auch die kaum gespielte erste Klaviersonate Chopins. Sie war Elsner gewidmet, bei dem der polnische Pianist ab 1826 regulär studierte. Sechs Mazurken rundeten das Chopin-Programm ab. Einer Ballade als Intermezzo (Burkhard Wepner, Dozent an der Musikhochschule Köln) liegt die Volksweise "Grottkauer Vesper" zugrunde und soll an den Förderer des jungen Chopin, Joseph Elsner, erinnern. Auch für diese Uraufführung spendete das begeisterte Publikum viel Beifall.