Bundestag schließt für Bürger den Plenarsaal ab

<b>Mit 25 Studierenden</b> des Seminars für politische Wissenschaften diskutierte Kinan Jaeger im Plenarsaal über Politik. "Ich bedaure sehr, dass diese Möglichkeit künftig nicht mehr besteht", sagt der Politologe.

<b>Mit 25 Studierenden</b> des Seminars für politische Wissenschaften diskutierte Kinan Jaeger im Plenarsaal über Politik. "Ich bedaure sehr, dass diese Möglichkeit künftig nicht mehr besteht", sagt der Politologe.

Im März wird der Besucherdienst aufgelöst, weil dann das Finanzministerium die Verantwortung für das Gebäude übernimmt

Bonn. Längst strömen nicht mehr so viele Besucher in den Plenarsaal wie damals, als der Bundestag noch am Rhein arbeitete. Doch auch nach dem Umzug an die Spree vor anderthalb Jahren kommen noch Gäste aus dem In- und Ausland, um die ehemalige Wirkungsstätte des Parlaments zu besichtigen. "Etwa 2 000 Besucher registrieren wir seitdem pro Monat", berichtet Rainer Hartmeier, einer von sieben Besucherführern im Bonner Plenarsaal. Dort gehen Ende März für die Besucher die Lichter aus - "ein Beschluss der Leitung des Deutschen Bundestages", sagt der Leiter des Referates Besucherdienst, Jörg Allkämper. Offizielle Begründung: Der Bundestag sei demnächst nicht mehr in Bonn präsent und die Verantwortung für seine Gebäude einschließlich Plenarsaal und Wasserwerk gehe ans Bundesfinanzministerium über.

Im August 1999 war das Allkämper-Referat nach Berlin verlegt worden. Dennoch wurden die Bonner Besucherführer, die - wie schon früher und jetzt auch in Berlin - allesamt auf Honorarbasis arbeiten, nicht arbeitslos. Bis Ende 2000 fanden jeden Tag stündlich zwischen 10 und 15 Uhr - samstags und sonntags zwischen 11 und 16 Uhr - Führungen statt. Dann konnte man sich kostenlos den Plenarsaal anschauen und sich über dessen Architektur sowie die Arbeit des Parlaments informieren lassen. Und wenn im Plenarsaal Kongresse oder sonstige Veranstaltungen stattfanden, ist man ins Wasserwerk ausgewichen.

"Viele Besucher kommen als Gruppen, die zumeist von den Mitarbeitern der städtischen Tourismus-Information auf die Führungen aufmerksam gemacht wurden - oder als Einzelpersonen, die oftmals nur zufällig davon erfahren, dass der Plenarsaal für jedermann offensteht", sagt Hartmeier, für den es erstaunlich und zugleich erfreulich ist, dass "sehr viele Gäste aus Fernost an den Bundestags-Gebäuden interessiert sind". Mit Beginn diesen Jahres wurde der Service eingeschränkt: Nur noch zweimal pro Tag, um 12 und um 14 Uhr, sowie samstags und sonntags zwischen 11 und 17 Uhr im Stundentakt dürfen Besucher in den Plenarsaal. "Allerdings können auch Sondertermine vereinbart werden", sagt Hartmeier, nach dessen Angaben am vergangenen Wochenende mehr als 250 Gäste ins ehemalige Hohe Haus am Rhein kamen "und die nachher allesamt froh waren, nochmals da gewesen zu sein".

Wer ebenfalls noch einmal an jenen Ort will, an dem sich einst Kohl, Schröder, Westerwelle, Trittin, Gysi & Co. heftige Rededuelle lieferten, muss sich beeilen. Denn am 31. März werden die Türen des vor neun Jahren eingeweihten und mit 256 Millionen Mark Steuergeldern finanzierten Baus für Otto Normalverbraucher geschlossen.

Referatsleiter Allkämper bedauert die Entscheidung: "Wir hätten es gerne gesehen, wenn man Besuchern auch weiterhin an historischen Stätten die "Bonner Geschichte" hätte verdeutlichen und erklären können."

So sieht''''s auch Kinan Jaeger vom Seminar für politische Wissenschaften der Bonner Uni, der seit vielen Jahren mit seinen Studierenden "vor Ort" ist: "Wir sind froh, dass wir hier im ehemaligen Plenarsaal über Politik diskutieren können; ich bedaure sehr, dass diese Möglichkeit künftig nicht mehr besteht." Nun hofft er auf den UN-Campus, der in den ehemaligen Parlamentsbauten entstehen soll: "Diese neue Perspektive könnte auch für die Beziehungen der Universität zur UN ein besonderes Bonbon werden."

Führungen durch den Plenarsaal: Montag bis Freitag um 12 und um 14 Uhr; Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr, jeweils zur vollen Stunde. Besichtigungstermine für Gruppen können mit dem Besucherdienst des Bundestages vereinbart werden. Telefon: (02 28) 16 22 180 (montags und freitags); Fax: (02 28) 16 20 027

Dazu der Kommentar: Ahistorische Entscheidung