GA-Serie "Rheinische Redensarten"

Beste ad widde am kühme?

Bist Du schon wieder am stöhnen?

Bist Du schon wieder am stöhnen?

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Es gibt Sätze, die gehören zum Standardrepertoire des Rheinländers. Einfach, weil er so oft im Alltag einzusetzen ist. Allzeit Hochkonjunktur hat die rheinische Wendung: „Beste ad widde am kühme?“

Das ist in sofern schön, als wir es hier wieder mit einem klanglichen Erlebnis zu tun haben. Stichwort: Lautmalerei. Dreh und Angelpunkt ist das Wort „kühmen“. Wer das langgezogen ausspricht, kann schon erahnen, was es bedeutet. Stöhnen, klagen, jammern. Die Übersetzung ist also: Jammerst du schon wieder?

Es gibt ja solchen Menschen, die überall das Haar in der Suppe finden. Sag ja zum Problem, könnte man da formulieren. Der Psychologe Paul Watzlawick hat in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ diese Lebenshaltung ausführlich dargestellt und analysiert.

Das Gegenteil davon sind die Optimisten, die vielleicht wie Hiob im Alten Testament dauerhaft negative Nachrichten mit Gottvertrauen parieren und sich unverdrossen bemühen, auch aus der schlechtesten Situation noch etwas Positives herauszuholen.

Da ist es nützlich, wenn man über Kardinaltugenden verfügt wie Geduld, Ausdauer und Unerschütterlichkeit.

Wie dem auch sei: Die moderne Psychologie geht davon aus, dass das eigene Glücks- oder Unglücksempfinden zum größten Teil im Auge des Betrachters liegt.

Oder sollte man sagen: Durch seine Interpretation bestimmt ist.

 Wohlgemerkt sprechen wir hier nicht von Schicksalsschlägen, denen man nur schwer etwas positives abgewinnen kann, weil sie einfach fürchterlich sind. Es geht eher um eine Grunddisposition zum Leben im Allgemeinen. Und da gibt es die Nörgler, die Misepeter und die Haar-in-der-Suppe-Finder.

Interessanterweise hat sich das Dialektwort kühmen in leichter Abwandlung auch im Hochdeutschen erhalten, nämlich im Adverb „kaum“. LVR-Sprachforscher Peter Honnen nennt in seinem Herkunftswörterbuch als Beispielsatz: „Das kann man kaum schaffen.“

Wenn man es dennoch anpackt, braucht man Mut, Selbsttrauen und Hoffnung, kurz: eine rheinische Lebenshaltung

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und im Handel zu haben. Das gedruckte Werk hat die Edition Lempertz verlegt, ISBN: 978-3-96058-211-3, es kostet 9,99 Euro.