Bald bleibt die Leinwand für immer weiß

Das Kur-Theater in Hennef schließt - Zu wenig Besucher und starke Konkurrenz beenden die lange Kinotradition - Treue Fans sind entsetzt und bieten ihre Hilfe an

Hennef. Es ist dieser ganz bestimmte Geruch, diese einmalige Atmosphäre, die dich umgibt, wenn die Tür hinter dir ins Schloss fällt. Als Kind hast du dort die kleinen Strolche und Aristocats gesehen. Mit 15 hast du in der letzten Reihe händchenhaltend gesessen, und vergangene Woche hat dich und deine Kinder der Herr der Ringe verzaubert.

Für Generationen von Hennefern öffnete das Kur-Theater den Blick in die romantische, abenteuerliche und fantastische Welt des Kintopp. Doch damit ist nun Schluss. In einigen Wochen fällt die Eingangstür ein letztes Mal ins Schloss, die Filmmaschinen aus den 50er Jahren stehen still, und die Leinwand bleibt für immer weiß.

"Die Überlebensgrenze ist unterschritten. Es kommen zu wenig Zuschauer", sagt Richard Bellinghausen. Wenige Besucher und starke Konkurrenz sind die Hauptgründe für die Schließung. Der 77 Jahre alte Hennefer blickt auf eine lange Tradition zurück. "Wir sind die drittälteste Kinofamilie in Deutschland."

Gegründet hatte das Haus 1925 seine Mutter. Damals allerdings erklang an der Königsstraße 19 a kein Hollywood-Sound aus der Konserve, sondern echte Live-Musik. "Das Kur-Theater war früher ein Opernhaus mit einer 11,50 Meter großen Drehbühne", sagt Bellinghausen. Die großen Künstler der Zeit sangen Opern und Operetten wie die Zauberflöte, Tartüff oder die Hochzeit des Figaro. Es wurde auch Theater gespielt: "Willi Millowitsch gab sein erstes Gastspiel außerhalb von Köln bei uns in Hennef", erinnert sich der emeritierte Professor für Bauwesen an der Universität Essen.

1937 wurde im bis zu 600 Zuschauer fassenden Raum eine Wand eingezogen, und es gab eine neue Inneneinrichtung. Gestaltet von einem Kinoarchitekten, war das Kur-Theater der erste Saal in Deutschland mit akustischer Berechnung. Die Einrichtung von 1937 ist heute noch erhalten, "aber die technische Ausstattung ist auf dem modernen Stand", sagt der Kinobesitzer. Ende der 40er Jahre hatte das Kino seine beste Zeit, "da haben sich die Besucher in dem kleinen Foyer gedrängelt".

Bellinghausen hat sich immer wieder an neue Projekte gewagt. Er beteiligte sich von Beginn an am Tag des guten Films, hat den Kinobetrieb um Gastronomie erweitert, für den "Frau Lück e.V." wurden Filme vorgeführt, und es gab Weinproben mit dem passenden Film zur Herkunft der edlen Tropfen. Ein Unikum war die separate Raucherloge, in die der Film per Video übertragen wurde. "Wir haben alles versucht, wir haben die Hennefer mit Kultur überfüttert, aber leider hat es am Ende nichts genützt."

Actionfilme zeigt der Ex-Professor schon lange nicht mehr. "Wir zeigen richtige Filme in richtigem Ambiente. Wir sind eine popcornfreie Zone." Der erfolgreichste Film im Kurtheater war übrigens "Schindlers Liste".

Die Fans mögen das Ambiente ihres Kur-Theaters. Jene, die von der Schließung gehört haben, schreiben ihr Bedauern: "Ich bin über die Nachricht, dass das weltbeste Kino geschlossen werden soll, echt entsetzt." - "Immerhin würde damit eine sehr alte kulturelle Einrichtung in Hennef wegfallen." - "Was ist dann mit unseren Kindern? Sollen meine Kinder jetzt Samstagnachmittags mit dem Zug nach Siegburg fahren, statt mit dem Fahrrad zu Euch?" Die Kinofreunde bieten ihre Hilfe an, um das Kur-Theater doch noch zu retten: "Ich würde sogar ehrenamtlich bei Euch arbeiten. Zwei oder drei Stunden die Woche wären drin. Ihr könnt mich beim Wort nehmen."

Was mit dem alten Kino passieren soll, ist noch unklar. Das Haus steht unter Denkmalschutz. "Vielleicht mache ich das Kino nur einfach zu", sagt Bellinghausen. Er tritt in ein kleines Badezimmer seiner Wohnung, öffnet eine Tür und steht im Vorführraum. Vielleicht wird der 77-Jährige nach der Schließung noch einmal seine Lieblingsfilme der vergangenen Jahre für sich und seine Frau einlegen: "Rendezvous mit Joe Black" und "Beautiful Mind".