Am Stuhl des Kanzlers wird nicht gerüttelt

Bund investiert 85 Millionen Mark in die Sanierung der ehemaligen Bonner Regierungszentrale - Die wichtigsten Räume bleiben erhalten - 2005 will Heidemarie Wieczorek-Zeul als neue Hausherrin einziehen

Bonn. Christo in Bonn? Nicht ganz. Aber fast. Denn das Bundeskanzleramt wird ab nächstem Jahr einem Projekt des Verpackungskünstlers ähneln. Die ehemalige Regierungszentrale wird anderthalb Jahre lang unter einer dicken Folie verschwinden, um dahinter den Asbest zu beseitigen. "Die Aktion ist absolut ungefährlich für die Mitarbeiter und die Umwelt", versichert Ralf Poss vom Bundesbauministerium.

Die Komplettsanierung des 25 Jahre alten Gebäudes soll Ende 2004 abgeschlossen sein und kostet rund 85 Millionen Mark. "Ein fairer Preis", sagt Poss. Sein Kollege Hans Schneider vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das Anfang 2005 mit 500 Mitarbeitern sein Haus an der B 9 verlässt und ins ehemalige Bundeskanzleramt einzieht, betont: "Das wird keine Luxussanierung."

15 Millionen Mark verschlingt alleine die Asbestsanierung. Das krebserzeugende Material ist seinerzeit hinter der dunklen Blechverkleidung eingebaut worden, die demnächst demontiert werden muss. "Sie bleibt aber erhalten, so dass sich das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes nicht verändert", sagt Hans Joachim Runkel vom zuständigen Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Allerdings werden später Sonnenschutz-Lamellen vor die Fenster montiert, damit die Klimaanlage Energie spart.

Ohnehin wird viel Geld in Energiesparmaßnahmen investiert: "Darauf hat man ja früher kaum Wert gelegt. Künftig sparen wir 30 Prozent Strom- und Wärmekosten." Verbessert und/oder erneuert werden auch der Feuer- und Brandschutz, das Flachdach, die Aufzüge, die Bodenbeläge sowie die gesamte Hausisolierung.

Um die undichte Tiefgarage sanieren zu können - Kosten: elf Millionen Mark -, muss der Vorgarten komplett abgetragen und die Moore-Plastik in ein Zwischenquartier gebracht werden. "Es wird aber alles wieder so wie jetzt hergerichtet und hingestellt", sagt Poss.

Darauf werden schon die Denkmalschützer achten, die das Bundeskanzleramt samt Umfeld unter Schutz stellen wollen. Der Denkmalschutz spielt auch bei der Innensanierung eine Rolle. So werden der große und kleine Kabinettsaal, das Kanzler-Arbeitszimmer und der Nato-Saal ihr Erscheinungsbild behalten. Die zukünftige Hausherrin, BMZ-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, hat das Büro des früheren Kanzleramtsministers für sich reservieren lassen. Bereits jetzt wird in dem Gebäude rund um die Uhr gearbeitet. Denn die Mineralfaser, mit der die Decken isoliert wurden, ist ebenfalls krebserzeugend.

Ähnlich wie bei der Asbestsanierung werden diese Arbeiten unter Luftunterdruck durchgeführt, so dass die Fasern direkt abgesaugt werden und nicht ins Freie gelangen können. Im Foyer wurde deshalb eine so genannte Dekontaminierungsanlage aufgestellt, in der sich die Experten duschen und umziehen müssen, wenn sie ihren Arbeitsplatz betreten oder ihn verlassen. Das verseuchte Material wird anschließend in einer Hochvakuum-Sauganlage mit Beton vergossen und in einer Deponie im Erftkreis entsorgt.

Poss sagte, das Sanierungskonzept sei ein "vernünftiger Kompromiss". Wenn das Kanzleramt, das seinerzeit 108 Millionen Mark gekostet hat, auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden wäre, "hätten wir 150 bis 200 Millionen Mark ausgeben müssen". Er wies im Übrigen darauf hin, dass sowohl der Asbest als auch die Mineralfasern im Inneren des Hauses verbaut worden waren und "zu keiner Zeit eine Gefahr für die Mitarbeiter darstellten; das haben auch Gutachter bestätigt".

"Noch keine Verwendung" hat der Bund für den Kanzlerbungalow. Das Finanzministerium würde ihn am liebsten verkaufen oder vermieten. Wahrscheinlicher ist aber eher, dass das Haus, in dem zuletzt Gerhard Schröder sowie Helmut und Hannelore Kohl wohnten, "musealen Zwecken zugeführt und vom Haus der Geschichte betreut wird", vermutet Hans Schneider.

Dazu der Kommentar: Der Weg ist das Ziel