Wissenschaftliche Untersuchung von Grabfunden in Oberkassel

Forschungsergebnisse der 30 Wissenschaftler werden 2014 im Landesmuseum präsentiert

Bonn. Das Forschungsprojekt der Grabfunde Bonn-Oberkassel geht gerade an den Start, da tragen die beiden Skelette schon einen Spitznamen. "Adam und Eva aus dem Rheinland" nennen die Forscher die beiden, die samt den Überresten eines Hundes im Jahre 1914 aus einem Steinbruch Am Stingenberg geborgen wurden.

Er war 50, sie 25 Jahre alt. Ob die beiden ein Paar waren oder Vater und Tochter, ist eine der zentralen Fragen, die die komplette wissenschaftliche Neuuntersuchung in den nächsten Jahren beantworten soll.

Zu den Aufgaben des Teams um Projektleiter Ralf W. Schmitz und seine Stellvertreterin Liane Giemsch gehören eine exakte Bestimmung des Alters der Funde sowie die Untersuchung der menschlichen Skelette auf Verletzungen, Krankheiten und Mangelerscheinungen.

Wie haben der Mann und die Frau vor rund 14 000 Jahren gelebt? Stammten sie von hier oder waren sie zugewandert? Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit 2014 zum 100. Jahrestag des Fundes präsentiert - samt Gesichts-Rekonstruktionen, die eine Gerichtsmedizinerin aus Frankfurt vornimmt.

Fest steht schon jetzt, dass die Knochen des Hundes zu den ältesten Haustierfunden weltweit zählen. "Es ist ohne Zweifel ein richtiger Hund gewesen, kein Wolf mehr. Was zeigt, dass die Tiere vor mehr als 14 000 Jahren domestiziert gewesen sein müssen", erläutert Ralf W. Schmitz.

An dem internationalen und multidisziplinären Projekt, das er leitet, sind 30 Wissenschaftler beteiligt. Die Untersuchung ist mit den umfangreichen Forschungen zum Neandertaler vergleichbar.

Finanziert wird sie mit 250 000 Euro aus der regionalen Kulturförderung des LVR und mit Geld aus einer privaten Stiftung, erklärt die Dezernentin für Kultur und Umwelt, Milena Karabaic. Schließlich handele es sich bei dem Doppelfund um eine der wichtigsten späteiszeitlichen Quellen Mitteleuropas.

Erkenntnisse erwarten Schmitz und sein Team vor allem vom Röntgen der Skelette in bis zu 150 000 Scheibchen im Leipziger Max-Planck-Institut, wo sich auch heute noch - falls vorhanden - sekundäre Tumorzellen nachweisen lassen.

Die Technik bietet den Archäologen heute Möglichkeiten, von denen ihre Kollegen bei der Einordnung des zunächst in einer Sprengstoffkiste gelagerten Fundes vor 100 Jahren kaum zu träumen gewagt hätten.

Sie gibt Aufschlüsse über die Lebensgewohnheiten der frühen Rheinländer aus der späten Eiszeit. Waren sie zu 98 Prozent "Fleischfresser" wie der Neandertaler, oder haben sie sich auch pflanzlich ernährt?

Auffallend sind die beim Mann ausgeprägten Muskelansätze, die auf ungewöhnliche Körperkraft schließen lassen, während die Frau zierlich und schmal war. Den Toten wurden eine kleine Figur aus Knochen und Geweih, die vermutlich einen Elch darstellen sollte, sowie ein 20 Zentimeter langer Knochenstab mit Tierkopf beigegeben. Die rötliche Färbung der Knochen stammt von dem zur Beisetzung verstreuten Hämatit.

Was die Forschung bis 2014 auch im Einzelnen ergeben wird - für Schmitz ist der Doppelfund von Oberkassel gemeinsam mit dem Neandertaler einer der wichtigsten Funde, die das Rheinische Landesmuseum besitzt.