Erinnerungsforschung

Wie das Gehirn unsere Heimat prägt

Bonn. Engramme heißen die Trampelpfade, die Erinnerungen in unser Hirn prägen. Besonders haltbar sind sie, wenn sie in der Kindheit entstehen, wo der Speicher noch leer und die Verknüpfung mit Emotionen hoch ist. Deshalb bleiben die Erinnerungen an unsere Herkunft besonders präsent.

Der Tante-Emma-Laden an der Straßenecke, der köstliche Geruch von Mutters Apfelkuchen, selbst der verwinkelte Weg von der Volksschule nach Hause – die alte Dame erinnert sich an nahezu jedes Detail ihrer mehr als 80 Jahre zurückliegenden Kindheit. Aber das soeben geführte Gespräch mit ihrer Tochter ist schon vergessen.

Das Beispiel der Alzheimer-Patientin stellt in potenzierter Form unter Beweis, was Neurologen über unser biografisches Gedächtnis herausgefunden haben: Es speichert in der Kindheit besonders gut und lässt mit dem Alter nach. Ein Indiz dafür, dass Heimat im Hirn zu Hause ist und dort Spuren hinterlässt, die Experten Engramme nennen. Physiologische Fußabdrücke, die sich durch Reizeinwirkung einprägen. Nachhaltig. Die Summe dieser Milliarden von Trampelpfaden, die sich ins Gehirn eingraben, bildet das menschliche Gedächtnis.

„Wir unterscheiden zwei Prinzipien der Gedächtnisbildung“, erklärt Professor Christian Elger. Die eine zeichnet für das prozedurale Lernen verantwortlich, mit dessen Hilfe der Mensch motorische Fähigkeiten erwirbt, zum Beispiel Schwimmen oder Radfahren. Der unter maßgeblichem Einsatz des Kleinhirns gesteuerte Lernprozess ist nahezu unkaputtbar, übersteht sogar eine Demenzerkrankung, wie der Bonner Neurologe und Epileptologe von seinen Patienten weiß.

Ganz anders als das deklarative Lernen, das sich auf das semantische und das biografische Gedächtnis stützt, die von der Eingangsstruktur des Hirns, dem Hippocampus, gesteuert werden. Das nach dem Seepferdchen benannte und ähnlich geformte Hirnareal, das in beiden Hirnhälften existiert, gilt als Schaltzentrale des limbischen Systems. Und dort sind Emotionen und Triebe beheimatet.

Das semantische Gedächtnis fungiert sozusagen als separater Wissensspeicher des Menschen. Dort legt das Gehirn Erlerntes ab. Zum Beispiel, dass Frankreich von Paris aus regiert wird, was Friedrich Schiller dichtete und Gustav Mahler komponierte. Während dieses Faktenwissen in keiner Weise mit den Orten verbunden ist, an denen der Mensch es erworben hat, verfügt das biografische Wissen über tiefe Wurzeln. Sie reichen bis in die Kindheit zurück, verbinden das Erinnerte mit Menschen, meist Familienmitgliedern, aber auch Freunden, mit Orten, mit Gerüchen und Geschmäckern.

„Da ist unser ganzes Leben abgebildet“, sagt Elger. Aber was wir früh in der Jugend dort gespeichert haben, das bleibt besonders klar und deutlich. Egal, wie viel Zeit vergeht. Das steht für den Hirnforscher felsenfest. So fest wie unsere Erinnerung daran. Seine Gleichung ist bestechend einfach: „Je früher das Erinnerte ins Hirn kommt, desto stabiler ist es, eben besser verknüpft.“

Das Gehirn funktioniert wie ein Bücherregal

Aber woran liegt es, dass die ältesten Erinnerungen nicht von neuen Eindrücken überlagert werden? „Sie müssen sich das biografische Gedächtnis vorstellen wie ein großes, leeres Bücherregal“, erklärt Elger. Mit besten Vorsätzen füllt jeder das Regal in systematischer Ordnung: Romane dort, Sachbücher hier, Bildbände unten. Aber der Platz im Regal beginnt knapper zu werden. Und irgendwann passt kein weiterer Roman mehr rein. Also landet Juli Zehs Neuerscheinung oben quer auf der Tucholsky-Gesamtausgabe. Die beginnende Unordnung breitet sich weiter aus.

„Schon müssen Sie sich zwei Dinge merken“, sagt Elger. Das Buch und den ungewöhnlichen Ort, an dem es liegt. Und das Dilemma pflanzt sich fort: Immer später gespeicherte Erinnerungen werden an immer verwegeneren Plätzen verstaut, also an Speicherorten, die sich nicht mehr logisch erschließen. Die Folge: Sie sind schwerer aufzustöbern, bleiben womöglich verschüttet.

Viel besser funktioniert das Ablagesystem für Erinnerungen, sobald der erinnerte Moment mit starken Emotionen verknüpft ist. „Es weiß nahezu jeder, wo er war und was er gemacht hat, als das World Trade Center einstürzte“, erklärt Neurologe Elger, was hinter dem Phänomen steckt. „Ich zum Beispiel habe einen Gast durch die Klinik geführt, nachdem ich in der Nacht zuvor aus den USA zurückgekommen bin.“ Das Unglück beinahe miterlebt zu haben, erhöht seine emotionale Verbindung.

Drei Zutaten für bleibende Erinnerungen

Eine andere intensive Art der Engrammbildung kennen wir nicht aus den Weltnachrichten, sondern aus James-Bond-Filmen, wo Geheimagenten bis zur Erschöpfung darauf trainiert werden, falsche Identitäten so zu verinnerlichen, dass sie nicht aus der Rolle fallen. Für Normalsterbliche eine schier unlösbare Aufgabe. Dabei geht es nur darum, in einem nagelgroßen Stück des Hippocampus eine Gruppe von Nervenzellen zu verknüpfen. Fertig ist die Erinnerung. Auch die falsche.

Ohne große Anstrengung hinterlegen dagegen kleine Kinder die vorwiegend positiv empfundenen ersten Erinnerungen, die ihre Verbindungen zur Heimat fixieren. Drei Pluspunkte des frühen emotionalen Lernens spielen ihnen dabei in die Karten: ein völlig leerer Speicher mit optimalen Kapazitäten, die unverbrauchte Neugier auf die ersten Eindrücke überhaupt und emotional aufgeladene, meist mit liebenden Menschen verknüpfte Erlebnisse. Drei Zutaten dienen als perfektes Rezept für bleibende Erinnerungen, kurz Heimatgefühle. Der Grundton: kuschelig, warm, sicher. Und zwar unabhängig davon, dass in der Realität durchaus Grausames passiert sein kann.

Wie bei dem Anfang 70-Jährigen, der sich gut erinnert, wie erschütternd es war, als Siebenjähriger aus Ostpreußen im eiskalten Winter übers Haff zu fliehen und dabei viel Leid mit anzusehen. Hungernde, Frierende, eine Mutter, die ihr totes Kind trägt, weil sie sich weigert, es zurückzulassen. Eine schreckliche Erfahrung, die dennoch nicht ausreichte, um den positiven Heimatbegriff des Mannes zu trüben. Elger hat eine Erklärung dafür: „In früher Kindheit blenden wir negative Erfahrungen aus.“

Viele Unbekannte in der Hirnforschung

Jenseits dieses Wissens, räumt der Neurologe ein, gibt es in der Hirnforschung noch viele Unbekannte. „Es weiß noch kein Mensch genau, wie wir die Fülle von Informationen in den Neuronen ablegen“, sagt Elger. Eine wissenschaftliche Sensation, wenn die Erkenntnis vorliegt, ein Angriffspunkt für Kritiker und Zweifler bis dahin.

Zum Beispiel für den Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs, für den die Neurowissenschaften das menschliche Ich mithilfe moderner Bildverfahren zu sehr auf mess- und darstellbare Hirnströme reduzieren. „Das Gehirn denkt nicht“, formuliert Buchautor Fuchs eine provokante These. Denn für ihn braucht der Mensch mehr als eine „Reiz-Reaktions-Maschine“ namens Gehirn, um Bewusstsein zu bilden. Für Fuchs braucht der Mensch dazu ganz unverzichtbar andere Menschen. Kein Wunder also, dass Fuchs eines seiner Bücher „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ genannt hat. Und damit ist er gar nicht so weit von Elgers Erklärungsansatz entfernt. Genauso wie der Philosoph Ernst Bloch, wenn er sagt: „So entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Unbestritten sind demnach jede Menge Emotionen im Spiel, wenn wir in der Kindheit das Koordinatensystem anlegen, das wir Heimat nennen. Es mit Sinneseindrücken verweben, mit Gefühlen für Mutter, Vater, Großeltern, Geschwister und Freunde. Präsent für die Ewigkeit, während es alle späteren Gefühle, Orte, Eindrücke und Menschen schwer haben, sich in der Vielzahl der Lebenserinnerungen einen annähernd gleichwertigen Platz zu sichern. Nicht weil sie weniger intensiv, weniger bedeutend oder weniger schön wären, sondern allein weil das Gehirn – mit fortgeschrittenem Alter – weniger empfänglich für sie ist. So gesehen ist Heimat kein Gefühl, sondern eine reine Kopfsache.