Uni Bonn hat neues Mathematik-Zentrum

11 700 Quadratmeter der ehemaligen Landwirtschaftskammer aufwendig saniert - Einweihung am 10. Juli

Bonn. In frisch restauriertem Gold glänzt der Schriftzug "Landwirtschaftskammer Rheinland" über dem Portal, das von zwei kräftig gebauten steinernen Herren getragen wird.

Darunter ein Relief mit Wappen und zwei Füllhörnern. Der Planer, der Königliche Regierungsbaumeister Heinrich Roettgen, hätte sich wohl nie träumen lassen, dass sein repräsentatives Gebäude statt Agrarwissenschaftlern einmal ausschließlich Mathematiker beherbergen würde.

Von 1914 bis 1916 wurde der Komplex im Stil des wilhelminischen Barocks mit Elementen des Jugendstils erbaut. Der Zweite Weltkrieg verschonte das Gebäude. Der prachtvolle Figurenschmuck an der Fassade, die ausladende Freitreppe, das Jugendstil-Treppenhaus und die farbigen Glasfenster blieben deshalb bis heute erhalten.

Das Mathematik-Zentrum Die Gesamtfläche, zu denen auch Flure, Treppenhäuser und Keller zählen, beträgt rund 11 700 Quadratmeter. Auf gut einem Drittel der Fläche sollen im Endausbau rund 350 Mathematiker einziehen.

Im Altbau sind auch die Bibliothek sowie Seminar- und Übungsräume untergebracht. Am Freitag, 10. Juli, wird das Zentrum eingeweiht. Am Samstag, 26. September, öffnet es seine Türen für die Bürger.

Das außergewöhnliche Ambiente des Prachtbaus zog auch immer wieder Filmteams aus dem In- und Ausland an. Doch das könnte in Zukunft schwieriger werden. "Mathematiker brauchen Ruhe zum Denken und arbeiten häufig auch abends oder am Wochenende", sagt Professor Karl-Theodor Sturm, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Angewandte Mathematik.

Die Drehzeiten werden also zumindest stark zusammenschrumpfen. Nach der Fusion der Landwirtschaftskammern Rheinland und Westfalen-Lippe im Jahr 2004 und dem Umzug nach Roleber erwarb der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) das Gebäude. Die Kosten für Kauf und Sanierung betrugen rund 24 Millionen Euro.

Mieter sind nun die Mathematiker der Universität Bonn. Zwei große Stelen vor dem Portal sollen auf die neue Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes und Interieurs hinweisen. "Wir haben den großen Tisch und die Stühle des großen Saals, in dem früher die Präsidiumssitzungen der Landwirtschaftskammer stattfanden, eingelagert", berichtet Sturm.

Die neuen Tische greifen geschmackvoll das Braun und Weiß der Kassettendecken auf, der Lederbezug der Stühle das Grün der Fensterbänke. Die ehemalige "Hauptkasse" ist entkernt und beherbergt die großzügige Bibliothek - der historische Schriftzug "Kassenstunden von" ist gleichwohl noch auf der originalen Glastür zu sehen.

"Durch die umfangreiche Umbauplanung haben wir das schöne Gebäude für unsere Zwecke maßschneidern können", freut sich Professor Peter Koepke, Geschäftsführender Direktor des Mathematischen Instituts. "Wir haben zusammen mit dem BLB eine optimale Lösung gefunden", pflichtet Sturm bei.

Die Mathematiker der Universität Bonn waren bisher auf zehn verschiedene Gebäude verteilt. "Wir brauchen Diskussionen, um neue Ideen anzustoßen und zu prüfen", beschreibt Sturm seine Disziplin. "Das war bisher ziemlich erschwert, weil wir nicht unter einem Dach zusammen waren."

Für die neuen Büros wurden etliche Wände versetzt, Schalldämmung sorgt für die ersehnte Kontemplation. "Mathematiker brauchen sowohl Ruhe zum Denken als auch Orte für den Gedankenaustausch", sagt Koepke. Es gibt stille, abgeschirmte Büros sowie Besprechungs- und Gruppenräume. Im ganzen Gebäude sind Schreibtafeln verteilt.

Hier können die Mathematiker zwischendurch bei einer Tasse Kaffee über ihre Ideen diskutieren. Auch in der benachbarten, nicht minder schönen Villa Maria arbeiten rund 30 Mathematiker. Der schon lange geplante Umzug in die Landwirtschaftskammer erhielt durch den Elitewettbewerb der Hochschulen zusätzlichen Auftrieb.

Die Bonner Mathematiker und Ökonomen warben dabei einen Exzellenzcluster ein, der binnen fünf Jahren mit mehr als 30 Millionen Euro gefördert wird. "Der Erfolg in der Exzellenzinitiative hat schon dazu beigetragen, dass uns dieses schöne Gebäude zur Verfügung gestellt wurde", berichtet Professor Felix Otto, Koordinator des Hausdorff-Zentrums. "Umgekehrt haben die Planungen, in ein gemeinsames Zentrum zu ziehen, auch unseren Exzellenzantrag beflügelt."

Mit den Fördergeldern und dem repräsentativen Gebäude werden zahlreiche Doktoranden, Postdoktoranden und Professoren nach Bonn gelockt werden - hochkarätige Mathematiker aus dem In- und Ausland.

So sei die Zahl der Doktoranden in den vergangenen drei Jahren um die Hälfte auf 140 angewachsen, neun Professoren seien hinzugekommen und zusätzlich 30 Gastwissenschaftler aus aller Welt könnten eine Zeit lang in Bonn arbeiten, so Otto. "Wir stärken damit die Bonner Mathematik", sagt Sturm. "Davon profitieren auch die Studenten, weil wir durch die Berufungen ein noch breiteres Vorlesungsspektrum anbieten können."