Neuer Direktor der Klinik für Nuklearmedizin

Professor Markus Essler setzt bei der Krebstherapie auf Vernetzung

"Das Netz, das mir vorschwebt, umfasst die gesamte Region": Professor Markus Essler.

Bonn. Seit drei Wochen ist Professor Markus Essler Direktor der Klinik für Nuklearmedizin der Universitätsklinik Bonn (UKB) und damit Chef über ein 40-köpfiges Team. Der 45-Jährige tritt die Nachfolge von Professor Hans-Jürgen Biersack an. Der GA sprach mit dem Nuklearmediziner über dessen Ziele.

Vor Ihrer jetzigen Direktorenstelle an der Klinik für Nuklearmedizin an der Uni-Klinik Bonn waren Sie Oberarzt am Klinikum rechts der Isar in München - was hat Bonn, das München nicht hat?
Markus Essler: Bonn hat eine unglaublich gute, junge Fakultät. In der letzten Zeit gab es hier einen Generationswechsel mit vielen neuen Ordinarien, die in den kommenden 20 Jahren gemeinsam etwas auf die Beine stellen können. Was München nicht hat, ist das von der Deutschen Krebshilfe geförderte Centrum für integrierte Onkologie, kurz CIO, das wir in Bonn mit der Kölner Universitätsklinik betreiben.

Mit seiner Hilfe können Krebserkrankungen individuell behandelt werden. Es ist ja gerade in der Krebsmedizin so, dass es darauf ankommt, wo man sich als Patient vorstellt. Geht man beispielsweise zu einem Chirurgen, wird man operiert, geht man zu einem Strahlentherapeuten, bekommt man vielleicht eine Strahlentherapie. Das Ziel muss sein, alle Experten an einem Tisch zu haben, um das Beste für den jeweiligen Patienten zu erreichen.

Warum bietet sich die Nuklearmedizin gerade bei Schilddrüsenerkrankungen an?
Essler: Man wendet sie bei der Schilddrüse an, weil es dort sehr große Therapieerfolge gibt. Der Schilddrüsenkrebs ist eine der wenigen Krebsarten, die auch dann geheilt werden kann, wenn sie metastasiert ist. Das liegt vor allem daran, dass die Schilddrüse als einziges Organ im Körper die Eigenschaft hat, Jod aufzunehmen. Die Karzinomzellen haben diese Fähigkeit auch. Wenn wir dem Patienten bei der Radiojodtherapie radioaktives Jod geben, wird dieses nur in den Karzinomen angereichert.

Wir lokalisieren mit Hilfe einer Gammakamera also die Krebszellen sehr genau und können sie dann sanft behandeln. In der Nuklearmedizin ist eines unserer Forschungsgebiete, neue Therapien zu entwickeln. Denn wir therapieren mit der Nuklearmedizin auch neuroendokrine Tumore zum Beispiel des Darmes und der Bauchspeicheldrüse mit der effektiven und gut verträglichen Radiopeptidtherapie.

Für die von Ihnen letztgenannte Therapie sowie bei der Selektiven Internen Radiotherapie bei Leberkrebs und Lebermetastasen gilt die Bonner Uni-Klinik als eines der größten Zentren in Deutschland - was genau muss man sich unter den Therapien vorstellen?
Essler: Metastasen der Leber stellen eine sehr ernste Situation dar, die sehr schnell zum Tode führen kann. Heute ist man dazu übergangen, die Metastasen selektiv zu behandeln, sie also zu operieren. Allerdings gibt es viele Patienten, die nicht operiert werden können - für sie kommt dann die Selektive Interne Radiotherapie infrage. Dabei benutzen wir Mikrosphären, winzige Glas- oder Latexkügelchen, die radioaktiv sind.

Diese werden in die tumorversorgende Leberarterie gespritzt - das normale Lebergewebe bekommt sein Blut über eine andere Ader. Durch eine Katheterisierung dieser Versorgung des Tumors können wir diesen gezielt ausschalten. Sie können sich vorstellen, wie wichtig es ist, dabei mit der Radiologie zusammenzuarbeiten - und diese Zusammenarbeit ist hier in Bonn ideal. Die Infrastruktur am UKB ist perfekt - die Wege sind kurz.

Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Klinik für Nuklearmedizin als größtes Schilddrüsenzentrum der Region auszubauen - was fehlt noch an der UKB-Infrastruktur, die Sie ja loben?
Essler:
Die Vernetzung mit anderen Kliniken soll intensiviert werden. Mit der Radiologie gibt es schon eine sehr gute Zusammenarbeit, allerdings besteht ein Netzwerk ja nicht nur aus zwei Kliniken. Die Schilddrüse ist ein sehr komplexes Organ. Um dieses richtig zu behandeln, braucht man die Endokrinologie, die Onkologie unter Umständen auch die Augenklinik. Für eine gute Diagnostik braucht man die Pathologie, für bestimmte Operationen ist auch die Hals-Nasen-Ohren-Klinik nötig, und ganz besonders wichtig ist die Chirurgie.

Man muss aber auch mit den umliegenden Praxen und Kliniken sehr gut kooperieren. Dieses Netz, das mir vorschwebt, mit dem Zentrum UKB, umfasst die gesamte Region - jeder muss mit an den Tisch. Wir wollen uns auf keinen Fall von den umliegenden Kliniken abkapseln, sondern ganz intensiv mit ihnen zusammenarbeiten.

Zur Person

Professor Dr. med. Markus Essler, 1968 in München geboren, studierte in seiner Geburtsstadt an der Ludwig-Maximilian-Universität Medizin. Seine akademische Ausbildung führte Essler zwei Jahre an das Sanford Burnham Medical Research Institute nach San Diego. Bereits dort entwickelte er neue, ganz spezifische Krebstherapien. Bevor er die Direktorenstelle an der Klinik für Nuklearmedizin der Uni-Klinik Bonn übernahm war Essler Oberarzt am Klinikum rechts der Isar der TU München. Der Familienvater von zwei Kindern beschäftigt sich in seiner Freizeit vor allem mit dem antiken Rom, Schach und Sport.