Forschen in deutscher Tradition

Philosoph Michael Neil Forster kommt von Chicago nun als Humboldt-Professor nach Bonn

Ist für seine grundlegenden Arbeiten zu Kant und Herder bekannt: Professor Michael Neil Forster.

BONN. Als Michael Neil Forster noch zur Schule in Lancaster ging, stand der junge Engländer vor einem Dilemma: Obwohl ihn sowohl die Naturwissenschaften als auch die Geisteswissenschaften interessierten, sollte sich der 16-Jährige für eine Richtung entscheiden. Forster spricht von einem großen Glück, dass ihm damals Bücher von Friedrich Nietzsche und Bertrand Russell in die Hände fielen. Denn in der Philosophie sind für ihn beide Richtungen miteinander vereint: Die Tiefe und Originalität der Geschichte und Literatur, aber auch die Logik und Analytik der Mathematik.

"Das ist kein Beruf, sondern eine Lebensweise", beschreibt der heute international renommierte Philosoph seine Leidenschaft, mit der er als Alexander von Humboldt-Professor am Lehrstuhl für theoretische Philosophie der Uni Bonn ab sofort auch die deutsche Forschungslandschaft bereichern will.

Forster hat die Professur im April angetreten und wird nun fünf Jahre als Co-Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie wirken. "Die Aufgabe ist für mich eine große Ehre", freut sich der 55-Jährige, der zuvor 28 Jahre lang Professor am Department of Philosophy der University of Chicago war und dort als Vorsitzender maßgeblich die Ausrichtung des Departments mitbestimmt hat. "Ich war etwas unbeweglich", sagt Forster schmunzelnd, wenn er auf die lange Zeit in Chicago zurückblickt. Den Gedanken, einmal in Deutschland zu forschen, trug Forster jedoch schon länger in sich, da er eine ausgeprägte Begeisterung für die klassische deutsche Philosophie hegt.

Eine Neigung, die sich vorwiegend erst nach seinem Philosophie-Studium in Oxford herauskristallisierte. "Ich hatte mich ursprünglich mehr für analytische Philosophie interessiert. Dann hatte ich aber das große Glück, in Princeton promovieren zu können und dort auf sehr gute Experten für deutsche Philosophen zu treffen", erinnert sich Forster, der daraufhin eine wegweisende Dissertation über Hegel verfasst hat und darüber hinaus heute international bekannt ist für seine grundlegenden Arbeiten zu Kant und Herder. Es sind zum Teil die zentralen Fragen der deutschen philosophischen Tradition, die ihn bis heute antreiben: Existieren Dinge wirklich oder sind sie bloß eine Erscheinung? Gibt es überhaupt eine objektive Basis für Moral? Und warum glauben so viele Menschen an Gott?

Doch auch der analytischen Philosophie ist Forster treu geblieben. Der Philosoph bewegt sich daher zwischen zwei unterschiedlichen Traditionen: der kontinentaleuropäischen auf der einen Seite und der ihr teilweise widerstreitenden anglo-amerikanischen analytischen auf der andern Seite. "Ich betreibe beides, ohne die Grenzen dieser beiden Richtungen in Betracht zu ziehen. Eigentlich sind die Grenzen ziemlich künstlich und nicht besonders hilfreich", begründet Forster den Brückenschlag. Forsters systematisches Forschungsinteresse gilt vor allem sowohl der Erkenntnistheorie und dem Skeptizismus als auch der Sprachphilosophie, der Hermeneutik und der Übersetzungstheorie.

Neben seinem persönlichen Forschungsinteresse will Forster auch dazu beitragen, die Bonner Philosophie zu internationalisieren. Ein Projekt, das ihm am meisten Herzen liegt, ist der Aufbau einer großen internationalen Forschungsgruppe zum Thema "Wir und die Anderen". Zudem hofft er, auch die Begeisterung für die klassische deutsche Philosophie neu entflammen zu können - so wie die großen Philosophen es einst bei ihm als Student bewirkt haben.