Uni Bonn

Oswald Egger wird Thomas-Kling-Poetikdozent

Poetikdozent an der Uni: Oswald Egger.

BONN. Seine Bücher lassen sich als Gelände sehen, seine Gedichte dann vielleicht als Hügel und Felder - und welchen Weg der Leser einschlägt, wohin er sich wendet und was er ignoriert, ist ihm selbst überlassen. Das Bild von Oswald Egger ist nur ein Provisorium, gibt aber doch einen rudimentären Einblick in das Lyrikverständnis des Südtirolers, der ab diesem Semester für ein Jahr der neue Thomas-Kling-Poetikdozent an der Universität Bonn wird.

Seine Gedichtsammlungen sind gewissermaßen Künstlerbücher, von Egger arrangiert, komponiert und bis ins letzte Detail eigenhändig gesetzt, aber an jeder Stelle aufschlagbar. "Der Leser muss sich entscheiden, wie gelesen wird", sagt er. "In Reisige geraufte, wie / Rupfpfoten getüpfelte / Kupferschilf-Kolben / im Kladderbausch", steht dann zum Beispiel in der 2007 erschienenen Sammlung "nihilum album", oder "Ein Hase / fraß Gras / und schnitt sich damit / Zungentzwei" - kleine Vierzeiler ohne einen ersichtlichen Zusammenhang, nur miteinander in Beziehung gesetzt durch den Rezipienten, der sich aus irgendeinem Grund dazu entschlossen hat, gerade diese Texte zu lesen.

"Dieser Vorgang der Auswahl eines Gedichts ist das Sprachlichere", erklärt Egger das, was den auf der ehemaligen Raketenstation Hombroich lebenden Lyriker fasziniert. Er selbst, so bekennt Egger, wandert "auf den Schleichwegen und Schmugglerpfaden der Sprache, Wort für Wort", jenseits der breiten Straßen des prosaischen Standarddeutsch. Dessen Elemente rekombiniert er, weist ihnen zum Teil andere Funktionen zu oder generiert schlichtweg neue Worte, Neologismen, die etwas beschreiben, "was es vielleicht nicht mehr oder noch nicht gibt."

Etwa den Kladderbausch. "Aber ich mache nichts Besonderes", sagt Egger und verweist auf kleine Kinder, für die die Sprache noch eine Spielwiese ist, ein riesiger Experimentierkasten. Die erhalten dafür allerdings weder den H.C. Artmann- noch den Oskar-Pastior-Preis. "Ich habe eben ein größeres Publikum, als ich ursprünglich dachte", gesteht Egger da. Eines, dem beim Lesen Bilder in den Kopf kommen, Assoziationen, Ideen. Klaren Interpretationen verweigert sich der 50-Jährige, der von Literaturwissenschaftlern gerne zu den Vertretern experimentell-hermetischer Lyrik gezählt wird, dagegen bewusst: "Meine Gedichte sind für jeden und alles offen."

An der Universität Bonn möchte Oswald Egger den Studenten nicht etwa das Dichten beibringen, sondern sich mit Grundlagen des poetischen Tuns beschäftigen. "Wenn ich zum Beispiel Gedichte für ein Buch zusammenstelle, greifen andere poetische Prinzipien des Arrangements als bei einer Lesung." Darüber wolle er gerne sprechen. Und immer wieder Fragen stellen, auf die jeder seine eigene Antwort finden muss. Etwa wie ein Kladderbausch aussehen könnte.

Termine

Die Antrittsvorlesung des neuen Thomas-Kling-Poetikdozenten Oswald Egger unter dem Titel "Wie heiße ich noch einmal (wenn ich mir einer bin)?" findet morgen um 19 Uhr im Festsaal der Uni Bonn statt. Eine weitere öffentliche Veranstaltung bietet das Literaturhaus Bonn mit Oswald Egger unter dem Titel "Euer Lenz" an. Lesung und Gespräch mit dem Autor moderiert Thomas Fechner-Smarsly am Donnerstag, 20. Juni, 20 Uhr, Lipschitz-Hörsaal, Mathematisches Institut der Uni Bonn.