Experiment

Mäuse und Moral

BONN. Geld oder Mäuseleben? Viele wählen ersteres, nehmen zehn Euro und verweigern einem Nager zwei weitere Jahre. Im Rahmen eines Experiments hatte der Bonner Volkswirtschafts-Professor Armin Falk im Jahr 2012 seinen Probanden genau diesen Deal angeboten

Wer auf das Geld verzichtete, konnte eine Labormaus retten, die für biologische Experimente ungeeignet war und daher ansonsten vergast worden wäre. Das Ergebnis überraschte selbst den Wissenschaftler: "46 Prozent haben die zehn Euro genommen. Mit so einem hohen Wert hätte ich nie gerechnet", resümiert er.

Schlimmer noch: Generierte er eine Marktsituation, in der mehrere Käufer weiteren Verkäufern ein Angebot für das Leben des Tieres machen konnten (aber nicht mussten), nahmen über 75 Prozent der Verkäufer einen Deal an, der in der Regel sogar deutlich unter zehn Euro lag - nur wenn kein Handel zustande kam, wurde das Tier gerettet. Für Falk ein Beleg dafür, dass in einem anonymen Massenmarkt die Moral erodiert. "Andererseits haben sich 15 Prozent der Teilnehmer auch bei einem Angebot von 100 Euro für die Maus entschieden", fügt er hinzu.

Seit Jahren erforscht Falk das Verhältnis von Markt und Moral - ohne dabei zu werten oder zu verurteilen. "Ich habe weder das Recht noch den Anlass dazu, irgendjemandem irgendetwas vorzuwerfen", betont er.

Das übernehmen schon andere. Sein Experiment von damals, das die Ethikkommission der Universität Bonn genehmigt hatte und in der renommierten Zeitschrift "Science" veröffentlicht wurde, hat für Wirbel gesorgt. Viele Tierschützer hätten sich wutentbrannt gemeldet, erzählt Falk.

"Die haben allerdings unseren Versuchsaufbau missverstanden. Alle Mäuse wären von dem züchtenden Labor in Einklang mit den entsprechenden Tierschutzgesetzen vergast worden - wir haben nur jedem Probanden die Möglichkeit gegeben, eines dieser Tiere zu retten." Das habe die Tierschutzorganisationen überzeugt. Die Bereitschaft, eine Maus zu retten, so ergeben seine Forschungen, sinkt rapide, je mehr Akteure beteiligt sind und je geringer die Auswirkungen des eigenen Handelns gewertet werden.

"Wir haben in einer Variation des Experiments einer Gruppe von acht Leuten erneut zehn Euro pro Person angeboten - doch sobald nur einer auf den Deal einging, starben alle Mäuse." Bislang, so berichtet er, hätten mehr Teilnehmer als in einer individuellen Bedingung das Geld genommen. "Jeder sagt sich, dass er eh nichts ändern kann, weil jemand anderes mit Sicherheit das Angebot annimmt - und dann wählt er eben das Geld", erklärt Falk. Eine ähnliche Dynamik gebe es bei Erschießungs-Kommandos. Irgendwer wird schon abdrücken, dann können es gleich alle tun.

Und wenn sich einer von Falks Probanden hinterher grämt? "Dann hat er zumindest etwas über sich selbst gelernt. Solche Entscheidungen muss man einem erwachsenen Menschen eigentlich abverlangen können", sagt Falk.

Das Prinzip der scheinbaren Machtlosigkeit des Einzelnen überträgt Falk, dessen Forschungen unter anderem durch einen Advanced Grant des European Research Councils finanziert werden, auch auf alltägliches Kaufverhalten. "Viele Menschen bekennen sich ja zum Tierschutz, kaufen aber trotzdem Fleisch aus dem Supermarkt", sagt er. Das Tier ist ja ohnehin geschlachtet worden, also kann man auch zugreifen. "Dabei würde es schon eine unglaubliche Wirkung haben, wenn nur einer von zehn Kunden sich ab und zu dagegen entscheidet oder zum Metzger geht, wo das Fleisch zwar teurer ist, aber eher aus guter Haltung stammt."

Auf ähnliche Weise habe sich in den vergangenen Jahren das Bio-Siegel durchgesetzt. "Wichtig ist Transparenz: Man muss die Menschen darüber aufklären, was es bedeutet, wenn sie bestimmte Waren kaufen", sagt Falk. Wer nichts von Massentierhaltung weiß, hat keine Bedenken beim Kauf von Billigfleisch. Gleiches gilt für die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern wie Bangladesch.

Doch sind moralisch gelenkte Käufe nicht auch eine Frage des Geldes? Kann es sich jeder leisten, auf Discounter-Ware zu verzichten? "Ich halte derartige Argumente zumindest in Deutschland für Ausreden", sagt Falk. "Wenn man sich anschaut, wofür hierzulande Geld ausgegeben wird, ist es letztlich eine Frage der Prioritäten. Ich kann durchaus nachhaltig einkaufen, wenn ich das will. Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Kaufverhalten beeinflussen und sich die Konsequenzen seines Handelns bewusst machen."

Klar ist für Falk: Verbote bringen gar nichts. "Als die Grünen mit ihrem Veggie-Day kamen, sind sie in genau diese Falle getappt", sagt er. "Dabei könnte es viel einfacher gehen, indem man etwa die Entscheidungsarchitektur ändert. Wenn man in einer Kantine zum Beispiel eine gute Salatbar am Anfang aufstellt und die Currywurst erst am Ende angeboten wird, greifen mehr Leute zu der gesünderen Kost." Die Entscheidung müsse aber eine freie sein. "Eine moralinsaure Diskussion ist in der Regel kontraproduktiv."

Eine weitere Lehre, die Falk aus seinen Experimenten gezogen hat, ist die Relevanz von Nähe. "Märkte schaffen eine Distanz zwischen Opfer und Täter", erklärt er. "Wenn die marode Textilfabrik mit ihren unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht in Bangladesch, sondern hier in Bonn gestanden hätte, wäre der Aufschrei ungleich größer gewesen." Erneut betont Falk daher, wie wichtig Informationen sind. Und dass letztlich jeder Einzelne mit seiner Kaufentscheidung etwas bewirkt. Auch wenn es vielleicht nur um das Leben einer Maus geht.