Katholische Burschenschafter diskutierten auf Wartburg über Kaukasus-Krise

Muntere Diskussionsrunde: Europa zwischen Begeisterung und Skepsis

Bonn. Das hätten sich die katholischen Burschenschafter der Bonner Universität nicht träumen lassen, als sie 1990, noch zu DDR-Zeiten, zum ersten Mal auf der Wartburg "Einigkeit und Recht und Freiheit" sangen: Nun waren sie am vergangenen Wochenende schon zum 19. Mal an diesem nicht nur wegen Luther und der Heiligen Elisabeth besonderen Ort der deutschen und europäischen Geschichte.

Stets war es dem Vorbereitungskomitee um die Bonner Verbindung "Sigfridia" mit dem Arzt Franz Josef Klassen als spiritus rector gelungen, mit den Themen den Nerv der deutschen und weltweiten Fragen zu treffen und damit junge und alte Akademiker gleichermaßen anzusprechen. Diesmal angesichts der Kaukasus-Krise mit "Europa - eine Herausforderung für die Nationalstaaten". Wobei es sich zeigte, dass im Umkehrschluss die Nationalstaaten und noch stärker der Nationalismus wie in Georgien oder der Rückfall Russlands in die Autokratie Europa herausfordern.

Deshalb war man sich in der Skepsis gegenüber künftigen EU-Erweiterungen einig. "Vertiefung vor Erweiterung" - dieser Satz von Bernhard Vogel, dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, drückte jenen Konsens aus. Was kein Gegensatz zum temperamentvollen Aufruf des früheren rheinland-pfälzischen und Thüringer Ministerpräsidenten an die Jugend war, sich so leidenschaftlich für die europäische Einigung auf der Grundlage ihrer religiösen und kulturellen Wurzeln wie die Gründergeneration einzusetzen, weil nur die EU in Europa Freiheit und Frieden ermögliche.

Darin stimmte Vogel mit den anderen Referenten überein, mit Hubertus von Morr, deutscher Botschafter in Luxemburg, Michael Mertes, NRW-Bevollmächtigter beim Bund ("Europa auf der Suche nach Grenzen in einer entgrenzten Welt") und dem Bonner Bundestagsabgeordneten Stephan Eisel ("Europäische Einigung als deutsches Interesse"). Er verschärfte die Skepsis Vogels gegen die verfrühte Aufnahme von Bulgarien und Rumänien sowie die Ablehnung eines Beitritts der Türkei, da sie ein nicht-europäischer Staat sei. Die EU könne nur europäische Staaten aufnehmen, die ihre Beitrittsbedingungen verwirklicht, nicht nur versprochen haben. Die Aufnahme sei "kein pädagogischer Prozess".

Die europäische Einigung kann nur gelingen, wenn alle ihr Haus in Ordnung bringen. Dem dienten die Referate von Mathias Gierth, stellvertretender Chefredakteur des Rheinischen Merkur ("Der neue breite Graben. Warum die Entfremdung zwischen Bürgern und Politik wächst und wie ihr begegnet werden kann") und Georg-Berndt Oschatz, ehemaliger Bundesratsdirektor. Er veranschaulichte, dass trotz aller internen Kritik der deutsche Föderalismus ein Vorbild für die EU sein kann und sollte.

Wie pragmatisch sich Europäer über die EU hinaus verständigen können, demonstrierte beim abendlichen Festkommers Karl-Friedrich Nagel, Leiter des Grundsatzreferates des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Bonn, am Beispiel der Weltraumorganisation ESA. Neben der Nationalhymne war ein emotionaler Höhepunkt jenes Abends das leidenschaftliche Bekenntnis des Thüringer Europaministers und Chefs der Staatskanzlei, Klaus Zeh, zum Gelingen der deutschen Einheit und der Dank für die Solidarität des Westens mit dem Osten Deutschlands.