Fußspuren kehren nach Afrika zurück

Exponat des Rheinischen Landesmuseums ist demnächst in Malawi zu sehen

Bonn/Frankfurt. (sj) Die Fußspuren zeichnen sich deutlich im ockerfarbenen Erdreich ab. Es sind die ältesten Belege aufrecht gehender Hominiden: 1978 entdeckte der Paläontologe Andrew Hill im Norden Tansanias zufällig mehrere Fußabdrücke von Vormenschen, die Wissenschaftler auf ein Alter von rund 3,6 Millionen Jahre datieren.

Die ungefähr 30 Meter lange Spur mit rund 70 Fußabdrücken wird von vielen Forschern dem "Australopithecus afarensis" zugeordnet, der damals auch in dieser Region lebte. Einer der Vormenschen lief exakt in den Abdrücken seines Begleiters, ein deutlich kleineres Individuum lief nebenan.

Nach dem Fundort benannt, gingen die Abdrücke als Fußspuren von Laetoli in die Wissenschaftsgeschichte ein. Das Original wurde am Fundort in Afrika belassen und zu seinem Schutz mit mehreren Erd- und Sandschichten abgedeckt. Während der Urmenschen-Ausstellung "Roots - Wurzeln der Menschheit" anlässlich des Neandertaler-Fundes vor 150 Jahren war vergangenes Jahr eine naturgetreue Nachbildung im Rheinischen Landesmuseum Bonn zu sehen.

Die Fußspuren, die als Rekonstruktion eigens von einem Kasseler Bühnenbildner für die Ausstellung angefertigt wurden, kehren nun nach Afrika zurück. Der Landschaftsverband Rheinland, zu dem das Rheinische Landesmuseum gehört, schenkt es dem Kultur- und Museumszentrum Karonga im afrikanischen Malawi. "Wir möchten über die Roots-Ausstellung hinaus Nachhaltiges bewirken", begründete Michael Schmauder vom Rheinischen Landesmuseum. Die Spuren sollen dort in eine Dauerausstellung integriert werden.

Gründer des Zentrums ist Professor Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe am Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg. Seit 20 Jahren gräbt er in Malawi nach Überresten der Vormenschen und war auch an der Konzeption der Bonner "Roots"-Ausstellung und der begleitenden Tagung beteiligt. "So viele Originale der Hominiden wird man wahrscheinlich nie mehr an einem Ort sehen", zieht er zufrieden Bilanz. "Die Fußspuren sind der erste direkte Beweis dafür, dass der aufrechte Gang am Beginn der Menschwerdung steht und nicht etwa das große Gehirn", sagte Schrenk am Montag bei der Übergabe des Exponats in Frankfurt/Main. Denn die Vormenschen, von denen die Fußspuren stammen, verfügten über ein relativ kleines Denkorgan.

Ein glücklicher Zufall konservierte vor Millionen Jahren die raren Belege der Menschwerdung: Die in feuchte Erde eingedrückten Fußspuren der Australopithecinen wurden schnell von vulkanischen Aschen bedeckt und vor dem Verfall geschützt. Die Aschen ermöglichten auch, das Alter der Spuren radiometrisch zu bestimmen. Die Spuren von Laetoli seien die ältesten, die bislang gefunden wurden, berichtet Schrenk. "Wir glauben jedoch, dass der aufrechte Gang noch weiter zurückgeht - etwa sechs Millionen Jahre."

Der Frankfurter Paläoanthropologe freut sich über die rund zehn Meter große Nachbildung, die aus Styroporplatten und Modelliermasse gefertigt ist. Das Kultur- und Museumszentrum ist bei der Forschungsbasis in Karonga angesiedelt, die zoologische und paläoanthropologische Forschungsprojekte betreut.

"Wir wollen mit dem Museum und Kulturzentrum Zugang zu Bildung schaffen und das Wissen über die kulturellen Wurzeln des Landes fördern", sagte Schrenk. Die Ausstellung "Von den Dinosauriern zur Demokratie" beschreibt dort die Entwicklung der natürlichen Lebensgrundlagen und der Kultur in Afrika. Die Fußspuren von Laetoli sollen nun das Gesamtbild ergänzen. "In Malawi ist kaum bekannt, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist", berichtet der Wissenschaftler. Schrenk möchte ein neues Geschichtsbewusstsein in Afrika fördern, dazu gehören für ihn auch die Funde zu den Vor- und Urmenschen.

Der Forscher fliegt am Dienstag nach Afrika, die Reproduktion der Fußabdrücke von Laetoli reist im Container per Schiff hinterher. Schrenk leitet in Malawi die Grabung nach Belegen von Vor- und Urmenschen. Die Fundstelle ist sehr ergiebig. "Dort gibt es bestimmt noch für die nächsten zehn Jahre zu tun", sagte er. Das Bild von unseren Vorfahren ist trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte noch sehr löchrig - denn von unseren ältesten Ahnen existieren meist nur noch einzelne Zähne oder Knochenfragmente.

"Wir haben riesige Lücken: Es ist, als würde man die Geschichte Mitteleuropas der vergangenen 2000 Jahre an einer Gürtelschnalle eines römischen Legionärs, einer Cola-Dose und dem Kopftuch einer wilhelminischen Dienstmagd festmachen." Doch zusammen mit weiteren Befunden - etwa archäologischen Daten und Klimainformationen - ergebe sich ein Gesamtbild, wie die Menschwerdung wahrscheinlich abgelaufen ist. "Unsere Hypothesen werden immer besser", sagte Schrenk. "Jeder neue Fund verdichtet das Bild."