Studierendeninitiative "Weitblick Bonn"

Es zählt der persönliche Kontakt

Bonner "Weitblicker": Philipp Lehmann und Sarah Zitterbarth in der Cafeteria des Uni-Hauptgebäudes.

Bonner "Weitblicker": Philipp Lehmann und Sarah Zitterbarth in der Cafeteria des Uni-Hauptgebäudes.

BONN. Dass der Zugang zu Bildung nicht selbstverständlich ist, wusste Sarah Zitterbarth eigentlich schon immer. Richtig bewusst wurde es ihr aber erst vor drei Jahren, während ihres Freiwilligendienstes in Quito, Ecuador. Dort half sie in einer Kindertagesstätte bei den Hausaufgaben und gab Englischnachhilfe.

"Manche Eltern konnten die Schuluniformen nicht bezahlen. Andere Familien kratzten das letzte Geld für den Bus zur Schule zusammen", erinnert sie sich. Auch der Weg zur höheren Bildung bleibt in Quito vielen versperrt: "Wer eine gute Ausbildung will, geht an die private Uni. Und das kostet eine ganze Menge Geld." Zurück in Deutschland, ging für sie alles viel leichter: Sie schrieb sich ein an der Uni Bonn, zahlte den vergleichsmäßig geringen Semesterbeitrag - und los ging ihr Studium im Fach Politik und Gesellschaft.

Die Erfahrungen aus Ecuador ließen Zitterbarth aber nicht los, gerade weil sie jetzt wusste, wie gut sie es eigentlich hatte. "Mir wurde klar, wie privilegiert ich bin. Dass ich in Deutschland geboren wurde, wo Bildung fast nichts kostet, in eine Akademikerfamilie hinein, wo Bildung einen hohen Stellenwert hat und es beinah selbstverständlich ist, zu studieren", sagt Zitterbarth. Also suchte sie nach Möglichkeiten, ihr Engagement fortzusetzen - und stieß auf die Studierendeninitiative "Weitblick Bonn".

Weitblick, 2008 in Münster gegründet, ist eine Initiative, die sich für gleiche Chancen auf Bildung für alle einsetzt, egal ob in Ecuador oder Deutschland. Mittlerweile gibt es Weitblick-Initiativen in 15 deutschen Universitätsstädten.

Finanziert durch Mitgliedsbeiträge und Spenden, zum Beispiel vom Bonner Spendenparlament, unterstützen die Bonner "Weitblicker" nur Projekte, zu denen sie persönlichen Kontakt haben. So hat eine Studentin einst in einer Tagesstätte für Kinder mit Lernschwierigkeiten in Guatemala gearbeitet und ermunterte Weitblick Bonn, die Kita zu unterstützen. "Weil unsere Kommilitonin schon dort war, wissen wir, wie unser Geld verwendet wird", erklärt Zitterbarth. "Nur dann gehen wir feste Partnerschaften mit Projekten in anderen Ländern ein."

In Äthiopien zum Beispiel unterstützte die Gruppe jahrelang eine Kindertagesstätte für Aidswaisen. Als der Kontakt zu den Verantwortlichen vor Ort immer spärlicher wurde und der Geldfluss undurchsichtig, beendeten die Studenten die Zusammenarbeit. "Das ist schade, aber nur so können wir garantieren, dass das Geld unserer Mitglieder und Gönner wirklich den Kindern zugutekommt", sagt Philipp Lehmann, der sich ebenfalls bei Weitblick Bonn engagiert.

Doch nicht nur in Entwicklungsländern setzt sich die Initiative für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Auch in Bonn selbst hat sie eine Reihe von Projekten ins Leben gerufen. Eines davon schafft Bildungspatenschaften zwischen Grundschülern mit Lernschwierigkeiten, oft aus sozial schwachem Umfeld, und Studenten. Ein anderes vermittelt Patenschaften zwischen den Jugendlichen der internationalen Klassen an der Realschule Hardtberg und Studenten.

In diesen Klassen werden Jugendliche mit rudimentären Deutschkenntnissen auf den Regelunterricht vorbereitet. Durch den Kontakt mit Bonner Studenten erhalten sie die Möglichkeit, verschiedene Zukunftsperspektiven kennenzulernen. "Manche von den Kindern wussten gar nicht, was eine Universität ist", sagt Zitterbarth. "Durch die Patenschaften zeigen wir ihnen, dass es sich lohnt, in der Schule mitzumachen. Wir wollen den Kindern vermitteln, was Bildung für einen hohen Wert hat und was man am Ende mit einem guten Abschluss machen kann."

In der Initiative haben Zitterbarth und Lehmann den praktischen Bezug zur Theorie gefunden, der ihnen im Studium fehlt. "Es ist schade, dass der Bereich Entwicklungshilfe in unserem Studium komplett fehlt", sagt Lehmann. "Gerade in Bonn gibt es so viele Möglichkeiten, mit entwicklungspolitischen Organisationen zusammenzuarbeiten."

Außerdem profitierten nicht nur die Kinder und Jugendlichen von ihrer Arbeit, sondern auch die Studenten selbst, erklären die "Weitblicker". Denn mit all dem organisatorischen Aufwand, den sie betreiben, hätten sie eine Menge über Teamarbeit und soziales Engagement gelernt. Wie man andere Leute für die eigene Sache begeistert, zum Beispiel. Wie man größere Veranstaltungen organisiert. Oder schlicht, dass es einen langen Atem braucht, damit gut gemeinte Projekte nicht einfach im Sande verlaufen. "Solche Fähigkeiten bringen einen im späteren Leben weiter, werden aber im sehr theoretischen Studium nicht vermittelt", meint Lehmann.

Noch etwas schätzen beide an Weitblick: die flachen Hierarchien. Wer Lust hat sich zu engagieren, muss sich nicht erst hochkämpfen, um eigene Ideen in die Tat umzusetzen. Zwar gibt es einen Vorstand für den Überblick, aber der delegiere auch Aufgaben, so dass jeder aktiv werden könne. "Wir bieten die Möglichkeit, sich konkret zu engagieren und nicht nur darüber zu reden", fasst Lehmann zusammen. Ein Bereich, in dem die Uni Bonn scheinbar noch Nachholbedarf hat.

Mehr Informationen unter http://weitblicker.org/Stadt/Bonn