Forschung um Nachtfalter löst Rätsel

Ein Schmetterling findet seine Familie

Der Entomologe Hossein Rajaei hält einen präparierten Pseudobiston pinratanai in der Hand.

Der Entomologe Hossein Rajaei hält einen präparierten Pseudobiston pinratanai in der Hand.

BONN/STUTTGART. Die Ausdauer der Wissenschaftler wurde belohnt: Nach jahrelangem Rätselraten um einen Nachtfalter haben Wissenschaftler mit Hilfe der Methoden der integrativen Taxonomie nun die neue Schmetterlingsfamilie Pseudobistonidae beschrieben.

 Die neue Familie der Großschmetterlinge wurde jetzt von einem internationalen Forscherteam, unter ihnen Biologen aus den Naturkundemuseen in Stuttgart und Bonn, vorgestellt und in der Fachzeitschrift Zoologica Scripta veröffentlicht.

Von der Entdeckung einer Art über ihre wissenschaftliche Beschreibung bis hin zu ihrer verwandtschaftlichen Einordnung können viele Jahre vergehen. Bei der neuen Großschmetterlingsfamilie Pseudobistonidae dauerte die Erforschung 26 Jahre. Doch die Hartnäckigkeit der Wissenschaftler hat sich am Ende ausgezahlt.

Die letzte Beschreibung einer neuen Familie der Großschmetterlinge liegt über 20 Jahre zurück. Daher ist es für die Biologen eine Sensation, dass nun wieder eine neue Familie entdeckt wurde. Erst neue wissenschaftliche Untersuchungsmethoden konnten das Rätsel lösen.

Das erste Exemplar wurde 1989 in Nordthailand gefangen

Das erste Exemplar des Schmetterlings Pseudobiston pinratanai wurde 1989 in Nordthailand gefangen und 1994 von einem japanischen Schmetterlingsexperten beschrieben. Es handelte sich bei dem Tier um eine bisher unbekannte Art und Gattung. Unklar war, zu welcher Familie die neue Gattung gehörte.

Die Merkmalskombination von Pseudobiston pinratanai ließ keine widerspruchsfreie Einordnung in das System der Großschmetterlinge zu. Da zunächst kein genetisches Material für Analysen zur Verfügung stand, kamen die Wissenschaftler lange Zeit einer Lösung des Rätsels um den Schmetterling nicht näher.

Dies änderte sich in den vergangenen Jahren. Für eine umfassende Studie konnten die Biologen sowohl morphologische Analysen als auch genetische Daten verwenden. "Die Untersuchungen zeigen, wie wichtig die Synthese vergleichender und molekulargenetischer Verfahren bei der Bestimmung von Arten ist.

Das Zusammenspiel von verschiedenen Methoden, die integrative Taxonomie, ist eine Kernkompetenz der naturkundlichen Forschungsmuseen. Die Entdeckung von Pseudobistonidae macht außerdem deutlich, wie gewinnbringend Kooperationen der Naturkundemuseen untereinander sind. Ich gratuliere den Kollegen zu diesem großartigen Erfolg", so Johanna Eder, Direktorin des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart.

"Integrative Taxonomie muss gleichzeitig als wichtiges und innovatives Instrumentarium gesehen werden, das geeignet ist, neue ökologische Fragestellungen zu erkennen", ergänzt Professor Bernhard Misof, Vize-Direktor am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig - Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn.

Neue Hinweise in der Evolution der Schmetterlinge

Zunächst integrierten die Wissenschaftler die aus den Genen der Schmetterlingsart gewonnenen Daten in die bisherigen genetischen Vergleichsstudien der Großschmetterlinge und berechneten deren Verwandtschaftsverhältnisse neu.

Das Ergebnis bestätigte die Vermutung der Experten: Pseudobiston pinratanai gehörte nicht in die Schmetterlingsfamilie der sogenannten Spanner (Geometridae). Überraschend legten die Ergebnisse eine enge Verwandtschaft mit einer artenarmen asiatischen Familie, den Epicopeiidae, nahe.

Die Forscher fanden bei weiteren Untersuchungen zum einen Merkmale, welche die enge Verwandtschaft zu den Epicopeiidae tatsächlich bestätigten. Zum anderen konnten sie für Pseudobiston pinratanai einzigartige Merkmale nachweisen, die zu dessen Klassifizierung in eine ganz neue Familie der Schmetterlinge, den Pseudobistonidae, führten.

Mit Kollegen aus den Naturkundemuseen in Bonn und Paris sowie den Unis in Wien und Turku arbeitete auch der Schmetterlingsexperte am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, Hossein Rajaei, ab 2012 an der Erforschung der rätselhaften Art mit.

"Durch die umfangreichen Untersuchungen konnten wir verwandtschaftliche Beziehungen und weitere Merkmale erforschen, was uns in der Evolution und Stammesgeschichte der Schmetterlinge neue Hinweise geliefert hat. Die Entdeckung der neuen Großschmetterlingsfamilie ist für mich spektakulär", freut sich der Entomologe.