Essay zum Klima

Die Ursachen des Wetterextremismus

Eine zerbrochene Schaufensterpuppe im Unwettermüll von Simbach am Inn: Politiker erklären Betroffenen das, was passiert ist, als „Naturgewalt“.

Eine zerbrochene Schaufensterpuppe im Unwettermüll von Simbach am Inn: Politiker erklären Betroffenen das, was passiert ist, als „Naturgewalt“.

Unwetter in Deutschland: Betroffene sind schockiert, Versicherungen prüfen, Politiker versprechen unbürokratische Hilfe. Ansonsten sprechen wir lieber über Erdogan als über die unbequemen, gleichwohl wahrscheinlichen Ursachen des Wetterextremismus.

Wie es war, wie es ist und wie es wird: Über kaum ein Thema reden die Menschen schon immer so ausgiebig wie über das Wetter. Einst war es überlebenswichtig, damit die Bauern reich ernten konnten und die anderen nicht verhungern mussten. Doch längst und erst recht im Zeitalter globalisierter Nahrungsströme hat sich das Gefühl, vom Wetter abhängig zu sein, verflüchtigt.

Dennoch bleibt das „Wetter von morgen“ ein Quotenbringer. Kann die Party steigen? Das Wetter von gestern ist indes schnell abgehakt. Ob es diesmal anders ist? Kann eine fulminante Unwetterserie mehr als statistisch auffällig, vielleicht ein Weckruf sein? Viele Bürger haben ihre Existenz in plötzlichen Wassermassen verloren und manche sogar ihr Leben.

Flüchtlinge berichten über unser Land, dass dort alles geregelt sei. Das empfänden sie schon einmal als ein Mehr an Sicherheit. Zum Geregelten nach einer Wetterkatastrophe gehört, dass die Versicherungsexperten anreisen, für jeden Schaden einen „Vorgang“ (Akte) anlegen und alles protokollieren. Auch Landesväter oder -mütter besuchen betroffene Orte und versprechen vor TV-Kameras unbürokratische Hilfe. Das ist das Mindeste, was passiert, wenn etwas passiert.

Und Politiker geben vor Ort auch Interpretationshilfen: Hier heißt es „Naturgewalt“, dort „Jahrhundertwetter“, während eine Landesumweltministerin gar von einem „Jahrtausendereignis“ sprach. Das betont das Schicksalshafte des Wetters, das von undurchschaubaren Naturkräften zusammengebraute Unberechenbare, als gäbe es keinen Fortschritt in der Erkundung der Lufthülle. Schicksal oder Zufall war in den letzten Tagen jedoch einzig, wen ein Unwetter wie eine Roulettekugel traf, aber kaum die Zerstörungsenergie.

Die mediale Begleitung erledigten weitgehend die Chronisten. Auch Anne Will wollte oder durfte in ihrer öffentlich-rechtlichen ARD-Talkrunde nicht über das naheliegende Thema diskutieren. Statt dessen wieder über Erdogan, obwohl doch alle so gerne über das Wetter reden. Aber vielleicht nur über das alte und nicht über das der Neuzeit, bei dem die Treibhausgas-Ausdünstungen der Zivilisation mitmischen. Denkbar, dass die „Täter-gleich-Opfer“-Perspektive in solch einer Talkshow kein Freund der Einschaltquote gewesen wäre.

Die psychologische Anamnese dieser seltsamen Unaufgeregtheit, die sich vage als „Ignoranz eines existenziellen Pro-blems“ beschreiben ließe, könnte verblüffen: Weil keiner es anders will. Die Medien nicht, weil ihre Konsumenten es nicht wollen, und die Politiker nicht, weil ein bereits stattfindender Klimawandel diffus ihr Versagen suggeriert. Und wer weiß: Vielleicht treten unbedachte Äußerungen gar Klagen los, wie die des peruanischen Bauern gegen einen Energiemulti.

Über das ganze Dilemma dieser stillen Übereinkunft, besser nichts zu hinterfragen, lässt sich auch „Eine unbequeme Wahrheit“ schreiben – der Titel eines Dokumentarfilms über die globale Erwärmung, der 2007 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Dieses Dilemma bestände vor allem darin, schreiben der Klimaforscher Hans von Storch und der Soziologe Nico Stehr in ihrem Klima-Manifest, „dass die Zeitskalen der Natur nicht deckungsgleich sind mit denen politischer Entscheidungskonjunkturen in demokratischen Gesellschaften, die in Wahlperioden und Aufmerksamkeitszyklen verlaufen und sich in Handlungshorizonten der Menschen niederschlagen“.

Vereinfacht: Weil keiner von seinen Handlungen noch zu Lebzeiten profitiert, wurde zum Klimaschutz bis heute nur getagt. So steigt der Treibhausgasausstoß bis heute weiter. Die beiden Forscher mahnen zudem seit Jahren, dass nur die Emissions-Vermeidung als tugendhaft dargestellt werde, „selbst wenn sie sich zumeist auf rein symbolisches und weitgehend unwirksames Tun bezieht, also autofreie Sonntage oder Verzicht auf Fernreisen“.

Der jahrzehntelange Fokus auf die Vermeidung führte ins nächste Dilemma. Der Mensch hat die Anpassung an das, was er verhindern wollte (Klimawandel), arg vernachlässigt – eine nationale Aufgabe, die sich in jedem Staat anders darstellt und in Deutschland weit über Bachläufe, Rückhaltebecken und Kanalisation hinausreicht – und wahrscheinlich nicht bei neuen Moskitos, Allergenen und Nutzpflanzen endet.

Besonders im politischen PR-Kompass standen „Vermeidung“ und „Anpassung“ zu lange als Ziele, die sich unausgesprochen widersprechen. Wohl auch deshalb, weil das Volk eine aktive Anpassung an den Klimawandel als gescheiterte Klimaschutzpolitik empfunden hätte. Tatsächlich braucht es beides: Vermeidung plus Anpassung.

Heute liegt der Klimaschutz wie ein Scherbenhaufen vor der Welt: Die Vermeidung ist zumindest so weit missglückt, als dass die Anpassung an eine neue, noch unübersichtliche Klimazukunft nicht überflüssig geworden ist. Allmählich dämmert es nicht nur von Dürren und Fluten Betroffenen, dass die Zwei-Grad-Temperaturerhöhungsgrenze (heute sind es 0,85 Grad), auf die sich die Welt Ende 2015 unverbindlich einigten, die Wetterhölle bedeuten könnte.

Indes hat sich der Klimadiskurs fast verflüchtigt oder ist so verworren, wie die Herausforderung übermenschlich erscheint. Das Publikum scheint zudem von den vielen und sich von Jahr zu Jahr verschärfenden Warnungen der Forscher, zuweilen als Alarmismus kritisiert, ermüdet. Auch deshalb, weil die Aussichten so erschreckend und Lösungen so abschreckend erscheinen. „Wir müssen unsere Lebensweise ändern“, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in seltener Offenheit zum 12-Tage-Unwetter im eigenen Land. Nur: Wer will das?

Lieber begrüßen wir jeden Zweifel an den erdrückenden Indizien, wonach der Klimawandel schon unter uns ist, wie einen Rettungsring und setzen unbekümmert die Brille unserer Vorfahren auf: Macht das Wetter nicht seit Urzeiten, was es will? Liegt es nicht in Petrus' Hand? Eben eine „Naturgewalt“, die „Jahrtausendereignisse“ produziert. Zwar immer öfter, aber wir pflegen konsequent weiter die Sprache der Nicht-Wissenden, wie wir auch Ereignisse ignorieren, die Botschaften sind.

Ausgerechnet 1991, im bis dato wärmsten Jahr, tauchte die 5000 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“ im vermeintlich ewigen Eis auf. Doch Medien und Menschen, das Infotainment hatte bereits begonnen, stellten andere Fragen: Wie ist der Älpler aus der Kupfersteinzeit umgekommen? War er auf der Flucht? Hatte er einen Nebenbuhler? Seitdem sind 25 Jahre vergangen. Die Gletscher befinden sich nun auf ihrer Schmelz-Schlussetappe.