Campus Poppelsdorf

Die Alte Anatomie der Universität wurde für 16,9 Millionen Euro saniert

BONN. Es hat etwas von der Baukunst der italienischen Renaissance, aber auch vom englischen Tudor-Stil. Das Anatomische Institut der Universität Bonn an der Nussallee sieht aus wie eine Mischung aus Palazzo Pitti und Schloss Hampton Court. Dabei hatte sich Universitätsarchitekt August Dieckhoff, der das Gebäude 1868 bis 1872 errichtete, das Anatomiegebäude in Berlin als Vorbild genommen.

Dieser markante achteckige Vorbau mit seinem prächtigen Vierflügelbau aus Backsteinen ist eines der auffälligsten und schönsten Gebäude auf dem südlichen Campus der Universität Bonn. Nach jahrelangen Sanierungs- und Umbauarbeiten präsentiert sich das Institut nun noch erhabener.

Schon die hohe Eingangshalle in diesem alten Trakt mit den liebevoll nachgezeichneten Kreuzbogen und den im Kreis angeordneten Säulen erweckt mächtig Eindruck. Der Besucher wird wie von selbst zum Treppenaufgang gezogen und blickt auf ein Halbrelief des Anatomen Andreas Vesalius (1514-1564), der den sezierten Arm einer Leiche hält. Der Anatom war der Leibarzt Karls V. und Philipps II. von Spanien und gilt als Begründer der neuzeitlichen Anatomie und des morphologischen Denkens in der Medizin.

Das Institut, das noch als eines der letzten der medizinischen Fakultät treu an seinem Poppelsdorfer Standort festhält, hat die Moderne mit dem Denkmal versöhnt. Ein Blick in den ersten Lichthof, der gleich an die Institutsbibliothek grenzt, beweist es: Da wird die historische Fassade auf der grauen, von mondrian'schen Farbflächen durchbrochenen Hochglanzfassade des Anbaus reflektiert. Ein großartiges Bild!

"Ja, das hat sich gelohnt", sagt der Geschäftsführende Direktor des Instituts Professor Karl Schilling während er durch die Bibliothek führt. Als er 1998 dem Ruf nach Bonn folgte, da lag bereits so einiges an der Bausubstanz im Argen: "Damals hieß es, die Sanierung werde vier Millionen D-Mark kosten, am Ende waren es 16,9 Millionen Euro." Die alte Bibliothek war geräumiger, aber diese ist mit einer eingebauten Galerie recht geschickt gestaltet, so dass der Raum optimal genutzt wird.

Schilling steigt die Wendeltreppe hinauf und zieht ein paar alte Bücher heraus. Für den Institutsleiter ist die Beschäftigung mit der Geschichte der Medizin unabdingbar für das Verständnis der Moderne. Er schlägt Cesare Lombrosos Buch "Der Verbrecher" von 1896 auf. Darin sucht der italienische Arzt, Professor der gerichtlichen Medizin und Psychiatrie nach medizinischen Ursachen, die für das Begehen von Verbrechen verantwortlich sind. "Irre Verbrecher" steht auf einer Seite und zeigt die Schwarz-Weiß-Fotografien von 25 Männern. Lombroso untersuchte Schädelformen von zahlreichen Häftlingen und erstellte unzählige Statistiken.

Überhaupt begegnet dem Besucher die Geschichte auf Schritt und Tritt. Hundert Jahre alte konservierte Föten, Schädel, Knochen und Organe, von den Jahren weiter aufgebleicht, ein Schädel ist beschriftet. Die Hirnpartien sind sorgfältig markiert und zeigen an, welche Teile des Hirns für welche Eigenschaften und Fähigkeiten verantwortlich sind: "Witz", "Diebsinn", "Schlauheit" oder "Kunstsinn" steht auf den einzelnen Feldern. Ein sogenannter Gall'scher Schädel.

Um 1800 entwickelte Franz Joseph Gall (1758-1858) eine Schädellehre, die man auch unter dem Namen Phrenologie kennt. Er war davon überzeugt, dass Fähigkeiten des Gehirns lokalisierbar seien. Die Vitrinen sind voller gerollter anatomischer Darstellungen. Es sind wohl Hunderte, wenn nicht Tausende, die in Nischen und Gängen lagern.

Schilling, der seine Worte stets sehr sorgsam wählt, ist selbst ein Schatz an Geschichten. Eine ungewöhnliche hat er selbst vor knapp zwei Jahren zu Ende gebracht: die Rückführung des Schädels eines im Jahre 1834 in Neuwied verstorbenen brasilianischen Indianers, der sich in der Sammlung des Instituts befand.

Der deutsche Entdecker, Ethnologe, Zoologe und Naturforscher Prinz Maximilian Alexander Philipp zu Wied hatte von seiner brasilianischen Reise 1815 bis 1817 seinen jungen indianischen Begleiter namens Quäck mitgebracht. Quäck, mit den Jahren in der Fremde der Trunksucht verfallen, starb am 1. Juni 1834 an einem Leberleiden in Neuwied. Nach seinem Tod wurde sein Schädel der Anatomischen Sammlung übergeben.

Ende September 2010 fragte eine Vertreterin der brasilianischen Stadt Jequitinhonha nach, ob das Institut ihr den Schädel überlassen könnte. Man wolle ihn den Nachfahren vom Stamme der Krenak übergeben - als Zeichen der Versöhnung der dortigen europäisch-stämmigen Bevölkerung an die Adresse der ursprünglichen amerindischen Einwohner, erzählt Schilling. Die Rückführung gelang mit Hilfe des Auswärtigen Amtes, und Schilling überbrachte selbst die sterblichen Überreste Quäcks.

Es geht weiter durch den Laborbereich, in die ebenfalls eine Galerie gebaut wurde, um so mehr Büroräume zu schaffen, an denen es weiterhin mangelt. Riesige graue Rohre sorgen für den enormen Lüftungsbedarf, vorbei an den Mikroskopieräumen durch die Umkleiden in den großen Präpariersaal, wo die 32 blitzblanken Edelstahltische in Reih und Glied auf die Studierenden warten.

Ganz am Schluss erst führt Schilling in den historischen Hörsaal mit den schier schwindelerregend ansteigenden Sitzreihen. Die Holzverkleidung kam später - als die ersten jungen Frauen an die Universitäten durften: Die Verkleidung sollte vor unsittlichen Blicken schützen. Der polygonal umbrochene Saal bestimmt ja schon die Hauptfront der alten Vierflügelanlage.

Hier drinnen merkt man, warum sich der Architekt für diese hohen Rundbogenfenster entschieden hatte: Der Hörsaal ist selbst bei trübem Wetter voller Tageslicht. Unter den Sitzreihen und in den Glasvitrinen oben im Rund bietet sich jede Menge Gelegenheit, einiges aus dem historischen Fundus auszustellen. Ein Gehirnschema aus den 50er Jahren steht dort schon oder ein altes Skelett mit dem schlichten Schildchen "Weib", und auch ein Modell eines menschlichen Embryos aus der Zeit um 1900, das sich auseinandernehmen lässt.

Was Schilling aber besonders am Herzen liegt, das sind ein paar vergilbte, mit der Schreibmaschine beschriebene Blätter, etwa die vom 14. September 1944 datierte Verfügung, einige Körper von Nazis Hingerichteter aus Köln abzuholen. Der Historiker Ralf Forsbach hat zwar in seinem Buch "Medizinische Fakultät der Universität Bonn im Dritten Reich" (2006) festgestellt, dass das Anatomische Institut von den "unrechtmäßigen" Tötungen während der Naziherrschaft profitiert habe: "Offenbar ohne jedes Unrechtsbewusstsein und ohne Skrupel wurden die Leichen von Opfern in der Anatomie seziert und Leichenteile präpariert", heißt es da.

Und dennoch: Schilling wäre einiges daran gelegen, wenn man all diese Menschen, die Opfer des Unrechtsstaates wurden, aus der Anonymität holen würde: "Vielleicht wäre das mal ein Aufarbeitungsprojekt für Historiker", meint der Institutsdirektor. "Man kann dadurch doch auch zeigen, was wir heute an Europa haben."