Leibniz-Preisträger Frank Bradke

Der Teamplayer

Frank Bradke ist Träger der bedeutendsten Auszeichnung für einen Wissenschaftler in Deutschland. Gleichzeitig ist der Biologe genau das Gegenteil von dem, was die Öffentlichkeit sich unter einem Wissenschaftler vorstellt: Er wird von allen geduzt, geht auch mal bis in die Puppen tanzen und lacht leidenschaftlich gern. Ein Porträt.

Mit ein bisschen Glück bekommt man von Frank Bradke schon einen hervorragenden Eindruck, ohne ihm überhaupt persönlich begegnet zu sein. Dann nämlich, wenn aus seinem Büro wieder dieses laute, helle und leicht glucksende Lachen auf den Flur einer modernen Forschungseinrichtung in der Bonner Rheinaue schallt. Der Mann lacht gern und viel. Wie sollte es auch anders sein? Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht, es in diesem Beruf zu höchsten Ehren gebracht und arbeitet dazu mit einem jungen, motivierten Team zusammen, das scheinbar ähnlich viel Spaß hat wie sein Chef.

Wobei: Als Chef würde sich Bradke nie bezeichnen. "Ich bin eher wie ein Trainer und lenke die Geschicke dieses Teams", sagt der 46-Jährige. Jemand, der es wissen muss, schlägt in die gleiche Kerbe: "Er ist nicht der typische Chef", sagt seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Sina Stern. "Hier gibt es eben immer was zu lachen." Bradke, der wie alle im Team geduzt wird, kneift die Augen zusammen und lacht - natürlich.

Dabei ist das Themengebiet des Biologen ein ernstes. Für seinen Ansatz bei der Erforschung von speziellen Bestandteilen von Nervenzellen hat er Ende des vergangenen Jahres den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten - so etwas wie den deutschen Nobelpreis. Am vergangenen Dienstag nahm er ihn in Berlin entgegen. Bradke versucht herauszufinden, wie Nervenverbindungen, über die die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn laufen, zum Wachstum angeregt werden können. Das klingt zunächst sehr abstrakt, kann aber von herausragender Bedeutung sein.

"Im täglichen Leben macht man sich darüber keine Gedanken, wenn alles funktioniert", sagt Bradke. Aber im Falle einer Querschnittslähmung sieht das anders aus - sie ist bisher in der Regel irreparabel, weil die Nervenfortleitungen zwischen Gehirn und Rückenmark gekappt sind und damit das zentrale Nervensystem betroffen ist.

Anders als im peripheren Nervensystem, bei dem die Verbindungen nachwachsen, etwa, wenn man sich in den Finger schneidet, funktionieren zwar Hirn und Muskeln noch, aber die Übertragung zwischen beiden ist unterbrochen. An diesem Punkt setzt Bradke an. Die Leitungen des zentralen Nervensystems wachsen nur im Mutterleib, nach der Geburt nicht mehr - dann stehen alle Verbindungen bereits. "Wir wollten also wissen: Was ist der Motor, was die Bremse für das Wachstum?", sagt Bradke.

Der leger gekleidete Wissenschaftler mit dem einnehmenden Wesen hat die Fähigkeit, Menschen das Gefühl zu geben, ihm auf Augenhöhe zu begegnen - selbst, wenn er über sein Fachgebiet spricht. In seinem hellen Büro zeigt er auf ein Bild mit grünen, faserigen Gebilden auf schwarzem Grund. Sie wirken wie fein verästeltes Moos, das samt Wurzel aus einem weichen Waldteppich gezogen wurde. "Mit diesen Nervenzellen zu arbeiten, hat etwas Ästhetisches", sagt Bradke. "Die Natur durch Experimente zu befragen und Antworten zu bekommen, ist faszinierend. Auch wenn es nicht immer die Antworten sind, die ich hören möchte." Bradke überlegt kurz und sagt: "Ich fühle mich als gut bezahlter Künstler." Dann lacht er.

Wahrscheinlich ist er mit dieser unverkrampften Herangehensweise auch zu dem Ansatz gelangt, der ihm nun (Wissenschafts-)Ruhm eingebracht hat. "Im Nervensystem gibt es viele verschiedene Zeichen, die den Leitungen sagen, sie dürfen nicht wachsen. Unsere Idee ist es, nicht alle Stopp-Zeichen kennenzulernen, sondern die Bremse auszubauen. Wir versuchen, aus dem Nervensystem so etwas wie einen verrückten Autofahrer zu machen, der alle Stopp-Schilder missachtet." Bis damit wirklich Querschnittslähmungen geheilt werden können, ist es noch ein weiter Weg. Aber wenn das Ziel so bahnbrechend ist und gleichzeitig so einfach beschrieben werden kann, dass es ein Fünfjähriger verstehen würde, ist ein Anfang gemacht.

Als der Anruf der DFG kam, um ihm mitzuteilen, dass er für den ersten Schritt auf diesem neuen Weg den Preis gewonnen hat, saß Bradke im Büro, Blick auf das fröhliche Bild eines jungen Mädchens mit drei Blumen, das seine Tochter mit Edding auf die naturwissenschaftlertypische Magnetwand gemalt hat. "Wie jetzt, ehrlich?", hat er entgegnet. Dann gejubelt, seine Frau angerufen, mit seinem Team gefeiert. Später ist er essen gegangen und hat bis tief in die Nacht getanzt. "Ausgeschlafen habe ich dann am nächsten Morgen im Flieger." Dienstreise nach San Diego.

Dabei wäre Bradke viel lieber zu Hause geblieben, bei seiner Frau und den drei Kindern in Kessenich. Aber die monatlichen Reisen gehören dazu, hin und wieder auch mal in die USA. "Die meisten Leute bei diesen Meetings kenne ich seit 20 Jahren, das hat etwas von Klassentreffen. Wenn ich dann mal da bin, genieße ich es auch", sagt Bradke. Was er weniger genießt, ist sein Schreibtischjob. Die konkrete Laborarbeit macht größtenteils sein Team. "Ich bin halt der Trainer. Das ist wie beim Fußball. Die Spieler machen ihr Ding und ich bin begeistert, wie sie manchmal zu Toren kommen." Es kann kaum Zufall sein, dass Bradkes Team genau elf Mitspieler angehören.

"Es war schon immer mein Ziel, Forscher zu werden", sagt der gebürtige Berliner. "Langweilig, ne?", fragt er rhetorisch und lacht. Schon als Schüler fand er das Nervensystem "ungeheuer spannend". Bradke hat dann einen geradlinigen Weg hingelegt: Studium in Berlin und London, Doktorand in Heidelberg, anschließend drei Jahre Auslandserfahrung in San Francisco und Stanford in den USA, schließlich die erste Gruppenleiterstelle am Max-Planck-Institut in München.

Nach acht Jahren dort ist er dann 2011 nach Bonn gekommen. Die Stadt hat der Familie gleich zugesagt. "Wir wurden hier super aufgenommen. Gleich beim Einzug haben wir neue Kontakte geknüpft." Bezahlt wird Bradke vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), er nutzt quasi als Untermieter die Räumlichkeiten und Labore des Forschungszentrums caesar, freut sich fast leidenschaftlich über die gute Kantine dort und lehrt als Professor zudem an der Uni Bonn.

Wie viel Zeit er auf der Arbeit verbringt? "Schon ville, wa?!", berlinert er. Und wird dann doch ernst: "Ich verbringe mit meinen Leuten hier mehr Zeit als mit meiner Frau. Aber von Heldentum will ich nichts wissen. So nach dem Motto, ich würde mich für die Grundlagenforschung opfern. Ich mache den Job, weil er mir Spaß macht und ein hohes Maß an Selbstbestimmtheit bietet. Ich genieße das."

Hobbys neben dem Beruf hat er keine. Bradke joggt und ist froh, wenn er seine Kinder sieht. "In Bonn bleiben wir", sagt er, und schiebt ein "glaube ich" nach. Die rheinländische Art kommt ihm entgegen. "Selbst im wissenschaftlichen Bereich geht man immer durch offene Türen. Das gibt es sonst nicht. Und an der Fleischtheke im Supermarkt haben auch immer alle noch einen witzigen Spruch parat." Und lachen, klar, ist ja eh sein Ding.

Bleibt eine Frage: Was stellt er jetzt mit den 2,5 Millionen Euro Preisgeld an? Persönlich hat er davon jedenfalls nichts. "Ich kann mir von dem Geld kein neues Fahrrad holen. Zumindest wäre das schwierig, das sind ja schließlich Steuergelder", sagt Bradke. Nicht ohne Grund gibt die DFG den Ausgezeichneten sieben Jahre Zeit, das Geld in Anspruch zu nehmen. "Etwas Konkretes kann ich noch gar nicht sagen. Ich denke oft darüber nach und berate mich mit meinem Team", sagt Bradke. "Fest steht: Es ist ein wahres Geschenk, diese Möglichkeit zu haben. Das kann der Forschung neue Impulse geben."