Der Kuss unter der Nuss ist für Winzer tabu

Bonner Forscher stellt nach 13 Jahren das Lexikon zur Geschichte der romanischen Sprachen fertig

Bonn. Manche wissenschaftlichen Arbeiten dauern etwas länger, sind dann aber umso tiefschürfender. So war es auch mit dem "Lexikon zur Geschichte der romanischen Sprachen". Dreizehn Jahre nach den ersten Planungen wurde es nun fertiggestellt.

Mehr als 300 Autoren haben an ihm mitgewirkt. Einer seiner Herausgeber ist der Romanist Professor Christian Schmitt von der Universität Bonn. Er hat Erfahrung mit langwierigen Projekten - als Mitherausgeber des "Lexikons der Romanistischen Linguistik", eines Mammutwerks mit fast 20-jähriger Entstehungsgeschichte.

Weit mehr als sein halbes Forscherleben hat Schmitt sich mit der Entwicklung und dem heutigen Stand der Romanischen Sprachen beschäftigt. Sein jüngstes Werk ist gerade noch rechtzeitig fertig geworden: Der Romanist ist inzwischen 64 Jahre alt. "Da ich in einem Jahr in Pension gehe, ist das Lexikon so etwas wie der Abschluss meines Lebenswerkes", schmunzelt Schmitt. "Aber vielleicht werde ich noch ein oder zwei Bücher schreiben."

In den vergangenen vier Jahrzehnten sei die romanische Sprachgeschichte überhaupt nicht mehr umfassender erforscht worden. Deshalb hat Schmitt sich 1995 bemüht, Kollegen zu finden, die mit ihm das Projekt anpackten. 2003 erschien der erste Band, 2006 der zweite und 2008 der dritte. "Ich hatte zwischenzeitlich fast selbst nicht mehr geglaubt, dass es noch klappt", sagt er mit einem Augenzwinkern.

Allerdings ist Schmitt nicht der alleinige Herausgeber; er hat sich die Koordinierungsarbeit mit dem Regensburger Romanisten Gerhard von Ernst, Martin-Dietrich Gleßgen von der Uni Zürich und Wolfgang Schweickard aus Saarbrücken geteilt.

Die (je nach Definition) zehn bis 13 heutigen romanischen Sprachen wurzeln allesamt im Lateinischen. Zur Blütezeit des römischen Reiches sprach ein guter Teil der damals bekannten Welt Latein oder "Protoromanisch" - auch damals schon in unterschiedlichen Varietäten. Selbst in Nordafrika wurde bis ins 7. Jahrhundert romanisch gesprochen. An der Mosel wurde das Romanische erst im 8. Jahrhundert verdrängt.

Noch heute finden sich gerade in der Winzersprache viele sprachliche Zeichen lateinischen Ursprungs. Und auch manche regionale Bräuche wurzeln letztlich in der Sprachgeschichte. "So gilt mancherorts an der Mosel bis heute das Tabu, dass ein Mann seine Braut nicht unter einem Nussbaum küssen darf", erzählt Schmitt. "Dieses Verbot gründet sich wahrscheinlich in der Ähnlichkeit der lateinischen Wörter nux = Nuss, im Akkusativ nocem, und nocere = schaden."

Lange Zeit glaubte man, dass sich die französische Bezeichnung "Clochard" von "clocher" (hinken) herleitet. "Nun liegt diese Vermutung zwar nahe, denn wer häufig draußen im Kalten übernachtet, mag sich leicht ein Hüftleiden zuziehen", sagt Schmitt. Doch gehe der Ursprung auf den französischen Begriff Glocke ("cloche") zurück. Denn früher galt in Frankreich der Rechtssatz: Wenn ein Glöcklein bimmelte, durften die Armen auf den Märkten der Städte alles auf dem Boden Liegende - also verdorbene oder minderwertige Ware - aufheben, ohne sich strafbar zu machen.

Schmitt selbst spricht Latein, Portugiesisch, Spanisch, Französisch, Rätoromanisch, Italienisch und Rumänisch. "Altgriechisch lese ich nur, obwohl es eine meiner Studiensprachen im Rahmen der Klassischen Philologie bildet", sagt er. Da er zunächst Theologie studieren sollte, lernte er auch noch Hebräisch.

Wie hält man so viele Sprachen im Gedächtnis wach? "Ich lese täglich etliche Zeitungen aus verschiedenen Ländern", berichtet Schmitt. Außerdem kommen viele Erasmus-Studenten aus Südamerika an sein Seminar. "Da bleibe ich fit im Portugiesischen", sagt der Bonner Romanist. "Rumänisch übe ich mit Bekannten, die aus diesem Land stammen."

Das Lexikon

In 263 Artikeln auf insgesamt knapp 3 500 Seiten haben die Autoren den heutigen Wissensstand zur Geschichte der Romanischen Sprachen zusammengefasst. Das Lexikon handelt Evolution und Verwandtschaft der Sprachen ebenso ab wie ihre Beeinflussung durch den Kontakt mit anderen Sprachgruppen. So lassen sich beispielsweise im südamerikanischen Spanisch oder Portugiesisch Spuren längst untergegangener Sprachen der Ureinwohner nachweisen.

Gerhard v. Ernst, Martin-Dietrich Gleßgen, Christian Schmitt, Wolfgang Schweickard: Romanische Sprachgeschichte. Drei Bände. Walter de Gruyter Verlag, je Band etwa 500 Euro