Der "Große Führer" ist allgegenwärtig

Orchester der Bonner Universität zu Besuch in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang - als erstes ausländisches Sinfonieorchester überhaupt

Bonn/Pjöngjang. Nordkorea gehört zu den wenigen verbliebenen Bastionen des Kommunismus auf der Welt: Ein Land, dessen Einreise- und Informationspolitik so extrem restriktiv ist, dass Neuigkeiten daraus im Westen hoch gehandelt werden. Da ist es eine Sensation, dass dieses Land Station einer Fernostreise des Bonner Uni-Orchesters "Collegium Musicum" war - drei Tage lang weilten die 50 Musiker quasi als Staatsgäste in der Hauptstadt Pjöngjang.

Planung und Koordination lagen beim Goetheinstitut in Seoul unter der Leitung Uwe Schmelters, das seit Januar dieses Jahres auch für den Norden des geteilten Korea zuständig ist. Schmelter organisierte mit diesem Projekt nicht nur die erste Reise eines Musikensembles in beide Landesteile, sondern überhaupt die erste Reise eines Sinfonieorchesters nach Nordkorea. "Aus dortiger Sicht und letztlich auch aus unserer war das ein Quantensprung" resümiert er.

Die Idee zu der Reise - zunächst nur für Südkorea geplant - hatte Collegium-Musikerin Stephanie Jeong: Sie ist Koreanerin mit deutschem Pass. Das Geld kam vom akademischen Auslandsamt der Universität, vom Auswärtigen Amt, dem deutschen Musikrat und den beteiligten Musikern.

Nordkorea ist nicht nur informationspolitisch gesehen ein dunkles Reich. Abends ankommende Passagiere umfängt noch am Flugplatz tiefste Finsternis. Entlang der Landstraße zur Hauptstadt brennen praktisch keine Straßenlaternen - Sinnbild für den Zustand eines international weitgehend isolierten Landes, über das der Sozialismus seine zugleich behütende und betäubende Hand hält. Pjöngjang ist eine Großstadt, die nach der fast vollständigen Zerstörung im Koreakrieg in den 60-er Jahren wieder hochgezogen wurde.

Heute wirkt dieses eigentlich effektiv und beeindruckend konzipierte Beispiel sozialistischer Architektur gespenstisch: Auch in den Wohnungen ist der Strom knapp. Selbst die zum Nationalfeiertag angeknipsten Leuchtschriften werden noch in der gleichen Nacht wieder abgeschaltet. Autos fahren kaum; selbst zum Fahrradfahren braucht man eine Genehmigung. Bars, Cafes, Vergnügungsgelegenheiten, überhaupt ein Nachtleben gibt es nicht. Läden in unserem Sinne sucht man vergebens.

Allgegenwärtig ist die Figur des Präsidenten Kim Il Sung, dessen Name öffentlich nur mit dem Attribut "der große Führer" genannt wird. Das Präsidentenamt hat er noch immer - obwohl er seit 1994 tot ist. An allen Ecken blicken einem seine Konterfeis entgegen: Eine gigantische Bronzestatue bietet Gelegenheit zur musikuntermalten und ritualisierten Verehrung mit Blumen, am Revers jedes Nordkoreaners prangt sein Portrait. Das offizielle Musikrepertoire besteht zu 90 Prozent aus Hymnen auf diesen Mann: Facetten eines Personenkultes, der für westliche Augen und Ohren geradezu bizarr wirken muß.

In dieser Szenerie geistiger und materieller Bevormundung und Rationierung war das Orchester in einem Luxushotel nach westlichem Standard untergebracht, das dem Staat als Umschlagplatz für Devisen dient. Die Konzertreise wurde von nordkoreanischer Seite generalstabsmäßig durch~organisiert und begleitet. Neben den Konzerten standen zwei offizielle Kulturveranstaltungen auf dem Plan: Erstens eine "Massengymnastik" - ein Großereignis, bei dem zehntausende Menschen zu einer akrobatischen Synchronhuldigung an Nordkorea und seinen Präsidenten zusammenkommen.

Zweitens ein "Kinderkonzert" an einer Elite-Nachmittagsschule. Mit der verspielten und noch tastenden Musikdarbietung, die man in Deutschland unter einer solchen Überschrift erwarten würde, hatte das nichts zu tun. Stattdessen auch hier eine perfekt inszenierte Hochleistungsschau, bei der Persönliches völlig in einer maschinenhaft präzise umgesetzten Choreographie verschwindet - für die Besucher ebenso Grund zur Faszination wie zum Erschrecken.

Nicht auf Verblüffung, sondern auf Kommunikation angelegt war das Projekt mit dem Bonner Uni-Orchester. Getreu der Devise des Goetheinstitutes für auswärtige Kulturarbeit hieß das: Austausch und Kooperation. In Nordkorea spielten zwei Violinistinnen aus Pjöngjang mit dem Collegium Bachs Doppelkonzert in d-Moll. Außerdem gab es "Peter und der Wolf", Beethovens Violinromanzen, Mendelssohns fünfte Symphonie, zwei ungarische Tänze von Brahms und Dvoraks Cellokonzert.

Die auf kultureller Ebene so erfolgreich angebahnte Grenzüberschreitung erwies sich geographisch als sehr schwierig: Die Reise von Nord- nach Südkorea war nur über den Umweg China möglich. Im Vergleich zu Pjöngjang sorgt Seoul für einen Kulturschock: Es ist eine Großstadt nach westlichem Maßstab - mit Verkehrschaos, gigantischem U-Bahn Netz und Wolkenkratzerskyline, schlechter Luft und enormem Kulturangebot. Dort gab das Collegium zwei Konzerte - bei einem von ihnen gemeinsam mit Musikstudenten aus Seoul.

Insgesamt hat das Collegium mit seinem Chef Walter Mik in zehn Tagen fünf Konzerte gegeben und mit allen Teilstrecken acht Flüge absolviert: Eine Rekordbilanz für das Uni-Orchester. Die Resonanz? Durchweg positiv bis enthusiastisch - mehr als einmal erhielten die Gäste stehende Ovationen. Was die kulturpolitische Bedeutung anbelangt: Uwe Schmelter hat die Reise als "historisch" eingestuft.