Der Computer als präziser Zahnarzthelfer

<b>Im Labor:</b> Joachim Hey, Jochen Kusch und Marc Liévin (von links) tüfteln an Computerhilfen für den Zahnarzt.

<b>Im Labor:</b> Joachim Hey, Jochen Kusch und Marc Liévin (von links) tüfteln an Computerhilfen für den Zahnarzt.

06.12.2004 Wissenschaftler des Bonner Forschungszentrums Caesar haben eine Software entwickelt, mit der sich Kunstzähne genauer in den Kiefer einsetzen lassen - Die erste große Ausgründung schafft 14 Arbeitsplätze

Bonn. Loch bohren, künstliche Wurzel festschrauben, Zahnkrone draufsetzen - fertig ist das Implantat. Was sich für den Laien so einfach darstellt, ist in Wirklichkeit viel komplizierter. Wenn der Zahnarzt einen dieser täuschend echten Kunstzähne einsetzen möchte, muss er eine ganze Reihe von kritischen Punkten beachten: Ist der Kieferknochen stabil genug? Wie ist das Implantat zu platzieren, ohne die empfindlichen Nervenkanäle zu verletzen? Und wie muss der Kunstzahn eingesetzt werden, damit er sich ästhetisch in das Gebiss einfügt?

Mit diesen Fragen war der Zahnarzt bislang weitgehend allein. Demnächst soll ihm der Computer schnell und zuverlässig bei den Antworten helfen, indem er eine digitale Röntgenaufnahme auswertet.

Derartige Software-Lösungen will das neue Unternehmen "SiCAT GmbH & Co. KG" anbieten, das kürzlich von dem Bonner Forschungszentrum Caesar und dem Bensheimer Hersteller für Zahnarztbedarf "Sirona" gegründet wurde. Sirona ist die ehemalige Dentaltechniksparte von Siemens und hält die Mehrheit der Firmenanteile. Weitere Anteile halten die SiCAT-Mitarbeiter und Caesar über eine eigens dafür gegründete GmbH. Die erste größere Caesar-Ausgründung wird zunächst in dem Bonner Forschungszentrum Räume mieten. "Insgesamt zehn Mitarbeiter wechseln im Lauf des nächsten Jahres von Caesar in die Neugründung", sagte Jürgen Reifarth, Experte für Patente und Wissenschaftstransfer bei Caesar. Zusammen mit weiteren Kräften werden dann insgesamt 14 Experten in der neuen Firma starten.

Die SiCAT-Geschäftsführer sind Jochen Kusch und Joachim Hey. Der Elektroingenieur Kusch arbeitete bis vor kurzem bei der Siemens-Medizintechniksparte in Erlangen, der Physiker Hey forscht seit mehr als zwei Jahren bei Caesar in Bonn. "Caesar ist eine gute Keimzelle für erste Schritte zum Produkt", sagt Hey. Zu den dort geleisteten Vorarbeiten zählt unter anderem die Software-Plattform "Julius", die für die medizinische Bildgebung, Operationsplanung und -navigation entwickelt wurde. Julius soll dem Chirurgen helfen, Operationen beispielsweise mithilfe von Computertomographie-Aufnahmen genau planen und überwachen zu können.

Die Grundlagen für das neue Unternehmen wurden bereits während früherer Forschungskooperationen gelegt: Siemens und Sirona trugen das Know-how für moderne bildgebende Verfahren bei, Caesar entwickelte die Auswertungs-Software. Der neue "Zahnarzthelfer" auf Computerbasis, an dem die Firma SiCAT weiter feilen will, soll laut Kusch sogar eine "qualitativ bessere und präzisere Beurteilung" liefern als es der Zahnarzt kann. Dafür muss die flexible "Julius"-Software auf die speziellen Bedürfnisse von Zahnärzten maßgeschneidert und auf die digitalen Röntgengeräte abgestimmt werden. "Es gibt bereits einige Anwendungen auf dem Markt, aber nicht die von uns vorgesehene Gesamtlösung", sagt Kusch. "Unser Produkt befindet sich in der Entwicklung. Wir starten nun mit den klinischen Tests."

Beide Geschäftsführer haben schon längere Zeit damit geliebäugelt, sich selbstständig zu machen. Die erfolgreiche Kooperation mit Siemens und Sirona war ausschlaggebend für die Ausgründung. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in kleinen Teams, die vertrauensvoll zusammenarbeiten, Ideen zünden und mutig umgesetzt werden", meint Kusch. Dabei erhielten sie Unterstützung von Caesar. "Das Forschungszentrum hat für uns die Rolle des starken Partners übernommen", sagt der Geschäftsführer.

Denn ohne große Partner sind Ausgründungen vor dem Hintergrund der zurückhaltenden Konjunktur schwierig, meint Jürgen Reifarth, Fachmann für Patente und Transfer bei Caesar. "Durch die bestehende Kooperation mit Sirona haben die Ausgründer eine der größten Hürden umgangen: den Marktzugang". Sirona gehört zu den weltweit führenden Herstellern für Zahnarztausrüstung und beschäftigt 1 600 Mitarbeiter an 14 Standorten weltweit. "Zu diesem Unternehmen haben die Kunden Vertrauen", meint Reifarth.

Ein weiteres Problem für Existenzgründer ist die Geldbeschaffung. Seit der vielen Firmenpleiten auf dem "Neuen Markt" fließt Risikokapital spärlicher. SiCAT hat auch damit nicht zu kämpfen: Sirona stellt die Finanzierung der Firma bis zum Markteintritt sicher. Caesar profitiert ebenfalls von der Konstruktion: "Unser Ziel ist, Arbeitsplätze und neue Technologien zu schaffen. Darüber hinaus wollen wir Rückflüsse erzielen", berichtet Reifarth. Neben der Miete für die von dem neuen Unternehmen gemieteten Räume erwartet Caesar weitere Einnahmen aus den Lizenzen für die von den Forschern geleisteten Entwicklungsarbeiten und aus späteren SiCAT-Dividenden. Mit der ersten größeren Ausgründung hat Caesar einen Meilenstein gesetzt, doch dabei soll es nicht bleiben. "Weitere Ausgründungen sind in Vorbereitung und werden demnächst folgen", kündigt Reifarth an. (Von Johannes Seiler)