Die Thomas-Kling-Dozentur für Poetik

Das Unbekannte begehren

Jeder Mensch hat etwas zu erzählen, findet der Schriftsteller und Poetik-Dozent Norbert Scheuer. FOTO: ELVIRA SCHEUER

Jeder Mensch hat etwas zu erzählen, findet der Schriftsteller und Poetik-Dozent Norbert Scheuer.

BONN. Als "Poetikdozent" lehrt Norbert Scheuer an der Universität Bonn Grundsätze und Techniken des kreativen Schreibens.

Manchmal fragt er sich schon, warum eigentlich nicht alle Menschen ihre Erlebnisse und Gedanken festhalten - in Form von Romanen, Erzählungen, Kurzgeschichten, Tagebüchern oder Gedichten. Der Schriftsteller Norbert Scheuer ist davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas zu erzählen hat. Die meisten begnügen sich indes damit, dies mündlich zu tun. Das Begehren zu schreiben, ist nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel.

Zum Glück, werden die Lektoren sagen, denn in den Verlagen stapeln sich die unverlangt eingesandten Manuskripte, und das Verlangen geht nicht immer mit Talent einher (um es dezent auszudrücken). Für Scheuer, seit dem Sommersemester "Poetikdozent" an der Universität Bonn, gilt das Gegenteil. Auch wenn man ihn, der erst mit 27 Jahren begonnen hat, literarische Texte zu verfassen, durchaus als "Spätberufenen" bezeichnen könnte.

Nachdem er im Sommer die Entstehungsgeschichte seiner eigenen Romane zum Thema gemacht und das Augenmerk der rund 40 Studenten bei der Analyse auch auf die Frage gerichtet hat, inwieweit die Texte anderer Autoren den eigenen Schaffensprozess beeinflussen, geht es nun in einem Seminar für 16 Studenten um Grundlagen und Techniken des kreativen Schreibens. Wie müssen Elemente literarischer Produkte konzipiert, gestaltet und aufeinander abgestimmt werden?

Welche Rolle spielen Zeit und Raum, die Charaktere, Anfang und Ende einer Geschichte, die Perspektive des Erzählens? Ziel des Seminars ist es, ein "authentisches Verhältnis zum Text" zu vermitteln. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein zu Seminarbeginn vorliegender Text (Gedicht, Kurzprosa oder Essay) und zum Abschluss soll jeder ein eigenes, 20 Seiten langes Stück schreiben.

Für den Dozenten, am 16. Dezember 1951 in Prüm in der Eifel geboren, wäre so etwas in vergleichbarem Alter unvorstellbar gewesen. In seiner Familie deutete tatsächlich nichts auf literarische Ambitionen hin, wie er sich in seiner Antrittsvorlesung erinnerte. Die Verwandten waren Handwerker, Gastwirte; seine Mutter las gern.

Aber selbst schreiben? Keine Option. Auch nicht für Norbert Scheuer selbst, der mit seinen Eltern von Birresborn über Stadtkyll bis nach Keldenich zog, der nach dem ersten Schulabschluss eine Lehre als Starkstromelektriker in einem nahe gelegenen Zementwerk absolvierte und dessen einzige schriftliche Hinterlassenschaft in den Berichtsheften für die spätere Gesellenprüfung bestand.

"Damals war für mich das höchste der Gefühle, in meinem Lehrberuf den Meister zu machen", blickt Scheuer zurück. In der Berufsschule habe er begonnen, auch aus Spaß und Interesse zu lesen. "Einer der Lehrer dort ermunterte mich, zur Abendrealschule zu gehen, auch wenn ich mir anfangs nicht vorstellen konnte, die Eifel zu verlassen und in der Stadt zu leben."

Nach der Lehre arbeitete Scheuer als Elektriker in einer Maschinenfabrik, nach dem Realschulabschluss studierte er an der Fachhochschule Hagen Physikalische Technik und schrieb seine Diplomarbeit über Festkörperphysik. Zum Sommersemester 1980 kam er nach Bonn, um dort Physik und Philosophie zu studieren. "Ich war damals 28 Jahre alt. Ich saß in der kleinen Bibliothek über der Philosophischen Fakultät, las Kant, Wittgenstein und Schopenhauer."

Nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um Schriftsteller zu werden. Obwohl er sich das, so Scheuer, nie bewusst vorgenommen habe. "Es war vielmehr ein schleichender Prozess, angefüllt mit Selbstzweifeln." Aber einige Freunde, mit denen er in Bonn seine Zeit verbrachte, schrieben - und so ließ er sich davon inspirieren und tat es ihnen nach. "Ich habe es allerdings nie bereut, einen sogenannten ordentlichen Beruf erlernt zu haben", sagt Scheuer: Seit seinem 35. Lebensjahr arbeitet er als Systemprogrammierer bei einem großen Bonner Telekommunikationsunternehmen. Das macht ihn unabhängig von Einkünften durch das Schreiben - auch wenn er sich mitunter mehr Muße für seine private Passion wünschen würde.

Ein gewisse Distanz zu den eigenen Texten ist für Norbert Scheuer Grundbedingung. "Man muss genug Abstand haben, um noch eingreifen zu können." Die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik sind für ihn wesentlich. Und er ist überzeugt, dass man nur über Dinge wirklich gut schreiben kann, die man selbst kennt, die einem vertraut sind: Das können Orte sein, Menschen, Gedanken und Gefühle, Veränderungen, die man im Laufe (s)eines Lebens erfährt.

Literatur entsteht für den Autor daraus, dieses "Material" in die Geschichte, die man erzählen möchte, zu übertragen. Schreiben ist für ihn "das Begehren des Unbekannten". Und sein Rat an die Studenten und alle anderen, die dieses Begehren teilen? "Wenn man zu viel weiß, kommt man nicht zum Schreiben. Wenn man zu viel liest, kommt man nicht zum Schreiben. Wenn man zu viel schreibt, kommt man nicht zum Leben."

Die Thomas-Kling-Dozentur für Poetik

Die 2011 initiierte Dozentur der Kunststiftung NRW wurde nach Thomas Kling (1957 -2005) benannt: Er gilt, wie es in einem Nachruf hieß, als "der zweifellos bedeutendste Dichter seiner Generation". Beeinflusst von Autoren wie H.C. Artmann, Ernst Jandl und Paul Celan, schuf er ein poetisches Werk, dem maßgeblicher Einfluss auf die deutschsprachige Lyrik nach 1990 zugeschrieben wird. Im Rahmen der Thomas-Kling-Dozentur erhalten namhafte Autoren und Übersetzer aus Nordrhein-Westfalen für jeweils zwei Semester Stipendien; die Auswahl treffen Vertreter der Kunststiftung NRW und der Universität Bonn. Die Autoren sind als Dozenten über einen Lehrauftrag in die Lehre des Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft eingebunden. Erster Dozent war Stefan Weidner, gefolgt von Barbara Köhler, Oswald Egger und Norbert Scheuer.

Norbert Scheuer: Werke

Erzählbände: Der Hahnenkönig (1993), Kall, Eifel (2005) - Romane: Der Steinesammler (1999), Fluss-abwärts (2002), Überm Rauschen (2009), Peehs Liebe (2012) - Lyrik: Ein Echo von allem (1997), Bis ich dies alles liebte (2011) - Auszeichnungen: Koblenzer Literaturpreis (2000), Eifel-Literaturpreis (2001), Martha-Saalfeld-Förderpreis (2003), Georg-K.-Glaser-Preis, 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (beide 2006), Düsseldorfer Literaturpreis, Rheinischer Literaturpreis Siegburg (beide 2010). "Poet in Residence" der Uni Duisburg-Essen (2011). "Überm Rauschen" stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Kritiker heben Scheuers ungeschönte, oft lakonische Erzählweise hervor, die nahe bei den Figuren bleibe, ohne sie verurteilen oder zu idealisieren. Iris Radisch sagte im "Literarischen Quartett": "Er atmet mit den Dingen, die er beschreibt."