Mensch und Hund

Bonner Psychologin Silke Wechsung forscht zu einem besonderen Verhältnis

Typ "naturverbunden und sozial": Silke Wechsung mit Riesenschnauzer Nessi.

BONN. Wer Silke Wechsung in ihrem Büro besucht, macht zuerst Bekanntschaft mit Nessi. Elf Jahre ist der Riesenschnauzer alt und nach wie vor ein erstklassiger Wachhund. Die Tür öffnet sich, Nessi bellt kurz, beschnuppert den Ankömmling und legt sich wieder auf ihren Platz.

Silke Wechsung, promovierte Psychologin und Personalberaterin in einem großen Unternehmen, hat sich selbst einen anspruchsvollen Hund ausgesucht, erklärt sie. Riesenschnauzer sind ideale Wach- und Begleithunde, sie brauchen ausgiebige Spaziergänge und geistige Beschäftigung.

Silke Wechsung wusste, worauf sie sich einließ, als sie sich Nessi anschaffte. Nur: Viele Menschen tun das nicht, sie vergucken sich in das Äußere einer Hunderasse, achten nicht auf deren Eigenschaften und geben dem Tier nicht das, was es braucht. Das Ergebnis kennt wohl jeder: kläffende Terrier beispielsweise, die sich gerne auf Waden-Jagd begeben.

Silke Wechsung wollte es genau wissen. 2789 Menschen hat sie nach der Beziehung zu ihren Hunden befragt, dazu kam noch eine Online-Befragung, so dass die Forschungsgruppe Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung an der Bonner Universität inzwischen über rund 6000 Datensätze verfügt. Das Ergebnis: Die Mehrzahl der Hundehalter darf sich über gute Haltungsnoten freuen.

Ein Viertel der Mensch-Hund-Beziehungen ist jedoch mangelhaft, weil die Halter eigennützige Motive verfolgen. Sie sind prestigeorientierte Hundehalter (Typ 1); oft vermenschlichen sie ihr Haustier, gehen nicht artgerecht mit ihm um. "Für den Hund wird es unangenehm, wenn er nicht mehr Hund bleiben darf, mit Erwartungen überfrachtet wird", erklärt Wechsung. Im Extremfall werden solche Tiere in Kleidchen gesteckt und im Kinderwagen spazieren gefahren.

Typ 2 der Hundehalter ist sehr stark auf den Hund fixiert, vermenschlicht ihn aber nicht und verhält sich auch in der Öffentlichkeit rücksichtsvoll, erzieht sein Tier also gut. Diese Menschen fühlen sich eher zu Tieren hingezogen als zu Menschen. Immerhin 35 Prozent der Halter haben eine engere Beziehung zu ihrem Hund als zu Menschen. Unabhängig von ihrem Familienstand.

Typ 3 schließlich bezeichnet die Psychologin als naturverbunden und sozial (und zählt auch sich selbst dazu). Er achtet auf eine gute Erziehung, freut sich über menschliche Kontakte, die sich über seinen Hund anbahnen, und behandelt das Tier artgerecht.

Und was ist artgerecht? Silke Wechsung macht da einige Parallelen zur Berufswelt aus. Mitarbeiter seien von ihrem Chef abhängig. Dieser trage die Verantwortung und müsse im Zweifel entscheiden, im Idealfall fühlten sich in der Beziehung beide wohl. Damit das gelinge, müsse man die Bedürfnisse der Mitarbeiter kennen; man brauche Einfühlungsvermögen. Ein Vorgesetzter sollte zudem berechenbar sein und klar, nicht etwa sprunghaft und launisch.

Ganz wichtig: Konsequenz. Wechsung: "Ich muss Regeln aufstellen und für die Einhaltung der Regeln sorgen." Gleichsetzen könne man Hundehaltung und Menschenführung jedoch nicht, räumt Wechsung ein; schließlich gebe es noch Mitarbeiterbeteiligung, auch Auseinandersetzungen oder ein kooperatives Verhältnis auf Augenhöhe. Das asymmetrische Verhältnis zwischen Halter und Hund lasse sich auch mit dem Eltern-Kind-Verhältnis vergleichen. "Nur: Im Unterschied zum Hund entwickelt sich das Kind weiter, wird irgendwann selbstständig."

So oder so: Das Verhältnis Hund und Mensch ist für Silke Wechsung ein interessantes Forschungsgebiet. "Es gibt keine bessere Projektionsfläche als das Thema Hund, für niemanden ist es neutral", sagt sie. "Der Hund kann nicht widersprechen, man kann ihm alles Mögliche unterstellen. Für Psychologen ist es hochspannend, was da läuft."

Silke Wechsung, Die Psychologie der Mensch-Hund-Beziehung - Dreamteam oder purer Egoismus?, Cadmos Verlag, 29,90 Euro.

Forschungsgruppe Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung: www.aow-bonn.de/www/wir/bergler/mensch-heimtier-beziehung.html.