Bonner Politikwissenschaftler feiern 50-jähriges Bestehen

Streitbar für die Demokratie: Die Politische Wissenschaft an der Bonner Universität

Bonn. Wissenschaft für die Demokratie - basierend auf diesem Prinzip übernahm Professor Karl Dietrich Bracher am 1. Januar 1959 den neuen Lehrstuhl für die "Wissenschaft von der Politik und Zeitgeschichte" an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität.

Bonn wurde zu einer akademischen Instanz, wenn es um das Verhältnis Demokratie und Diktatur oder die Auseinandersetzung mit Extremismus und Totalitarismus ging. Das 50-jährige Bestehen feiert das Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, wie es seit 2005 offiziell heißt, am Donnerstag.

Für den internen Festakt werden prominente Gäste aus Politik und Kultur erwartet. Professor Tilman Mayer, Geschäftsführender Direktor des Instituts, und Privatdozent Volker Kronenberg, Akademischer Direktor, haben einen 645 Seiten starken Sammelband mit 32 Aufsätzen von ehemaligen Promovenden, Habilitanden, Professoren und aktuell wirkenden Wissenschaftlern herausgegeben. Das im Bouvier-Verlag erscheinende Werk "Streitbar für die Demokratie - Bonner Perspektiven der Politischen Wissenschaft und Zeitgeschichte" wird beim Festakt vorgestellt.

Von einer "Bonner Schule" möchten weder Mayer noch Kronenberg sprechen. "Natürlich eine bestimmte Tradition, aber nicht unbedingt eine Schule im engeren Sinne", sagt Kronenberg. Die Bonner Tradition bedeute etwa "ein hohes Maß an Liberalität", das sich in der großen Bandbreite der gelehrten wie erforschten Themen ebenso spiegelt wie in den unterschiedlichen methodischen Zugängen - und in der Unterschiedlichkeit der akademischen Lehrer.

Der erste LehrstuhlProfessor Karl Dietrich Bracher übernimmt im Januar 1959 den ersten Lehrstuhl für Politische Wissenschaft an der Bonner Universität. Sitz des Seminars ist von Anfang an die Villa "Am Hofgarten 15" gegenüber dem Akademischen Kunstmuseum. Bracher lehnt viele Rufe aus dem In- (Berlin, Hamburg) und Ausland (Florenz, Harvard, Washington) ab. Professor Hans-Adolf Jacobsen wird 1969 auf den zweiten Lehrstuhl berufen. Im gleichen Jahr erscheint der erste Band der "Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte".

Nachfolger des 1987 emeritierten Bracher wird Professor Hans-Peter Schwarz; die Nachfolge von Jacobsen tritt 1991 Professor Karl Kaiser an. Schwarz und Kaiser werden 1999 bzw. 2000 emeritiert. Professor Christian Hacke übernimmt Schwarz' Lehrstuhl und Professor Frank Decker folgt auf Kaiser. 2001 werden erstmals die Absolventen mit einem Sommerfest vom Seminar verabschiedet. 2006 wird Professor Tilman Mayer erster Geschäftsführender Direktor des zusammengefassten Instituts für Politische Wissenschaft und Soziologie.

In ihrem Vorwort definieren die beiden Herausgeber die "unverwechselbare Tradition" der von Bracher und Professor Hans-Adolf Jacobsen begründeten Bonner Politischen Wissenschaft: Eine historisch fundierte und international vergleichende Gegenwartsanalyse von Politik, Kultur und Gesellschaft der Weimarer, Bonner und Berliner Republik.

Der Regierungswechsel von Bonn nach Berlin habe keinen Schaden angerichtet: "Es hat sich gezeigt, dass die Bonner Politikwissenschaft auch ohne Regierungssitz in der Stadt gut existieren kann", meint Mayer. "Wir haben einen großen Standortvorteil und sehr gute Kontakte zu Wissenschaft, Forschung, Medien und Wirtschaft."

Die Attraktivität Bonns belege auch, dass unter den Bundestagsabgeordneten, die Politologie studiert haben, der Bonner Anteil am größten sei. Viele Absolventen gingen in die Politik oder in die Politikberatung: "Der Fundus an Arbeitsmöglichkeiten ist riesig", so Mayer. Als weitere Bonner Traditionslinie nennt Kronenberg eine "Popularisierung im besten Sinne: In die Breite gehen, in die Bevölkerung gehen". So haben zahlreiche renommierte Bonner Politikwissenschaftler mit Standardwerken zur deutschen Zeitgeschichte sowohl Forschung als auch Debatten stets bereichert. Politikvermittlung als Schlüsselwort.

Inzwischen wird in der Politischen Wissenschaft im Bachelor-Studiengang operiert, parallel dazu werden bis 2011 die letzten Magister-Kandidaten betreut. Ab dem Wintersemester 2009/2010 werde es einen neuen Master-Studiengang "Deutsche, Europäische und Globale Politik" geben, berichtet Mayer. Darin soll neben der deutschen und europäischen Betrachtung auch die "transatlantische und auch pazifische Perspektive" einfließen.

Für die Zukunft hat Mayer die Ziele klar vor Augen: "Wir dürfen nicht nur Spezialisten im engen Gebiet sein, wir müssen die Breite erhalten. Wir müssen öffentlichkeitswirksam bleiben. Und wir müssen nach weiteren großen Persönlichkeiten Ausschau halten." Mayer fasst selbstbewusst zusammen: "An der Bonner Politikwissenschaft führt kein Weg vorbei."