Provenienzforschung

Woher kamen die Kunstwerke in Bonner Museen?

Das Museum der Bonner Amerikas-Sammlung beschäftigt sich auch mit der Herkunft seiner Exponate. Die Ausstellung „maraké – Konfirmation. Wege in die Welt der Erwachsenen“ gibt bis Ende August Einblicke in die Riten der Wayana in Französisch-Guyana.

Das Museum der Bonner Amerikas-Sammlung beschäftigt sich auch mit der Herkunft seiner Exponate. Die Ausstellung „maraké – Konfirmation. Wege in die Welt der Erwachsenen“ gibt bis Ende August Einblicke in die Riten der Wayana in Französisch-Guyana.

Bonn. Wer ein Objekt verstehen will, muss seine Geschichte kennen. Wer hat es hergestellt, warum und wofür, und was kann es uns heutzutage über die Vergangenheit sagen? All das sind Fragen, die für Geschichtswissenschaftler, Archäologen, Kunsthistoriker und Ethnologen gleichermaßen interessant sind.

Erst durch Funktion, Relevanz und Herkunft erhält ein Ausstellungsstück einen Referenzrahmen, einen Kontext und damit eine Bedeutung über das Dingliche hinaus. Doch die Geschichte eines musealen Gegenstands – sei es nun ein Kunstwerk oder ein Alltagsgegenstand – endet nicht etwa mit seiner Fertigstellung, sondern erstreckt sich bis in die Gegenwart.

Gerade angesichts der Diskussion um NS-Raubkunst in Deutschland sowie um die Aufarbeitung des Kolonialismus in ganz Europa ist die Provenienzforschung in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. An der Universität Bonn sind daher die ersten Lehrstühle in diesem Bereich eingerichtet worden, die Kunstgeschichte und Rechtswissenschaften miteinander verbinden.

Doch auch die Bonner Amerikas-Sammlung (BASA) setzt sich intensiv mit der Sammlungsgeschichte ihrer Exponate auseinander und steht dabei in regem Austausch mit den indigenen Urhebergesellschaften.

Kein Generalverdacht der „Raubkunst“

Dabei legen die Altamerikanisten Wert darauf, nicht unter den Generalverdacht „Raubkunst“ gestellt zu werden. „Zunächst einmal müssen wir differenzieren zwischen Beutekunst einerseits sowie archäologischen und ethnologischen Objekten andererseits“, erklärt Karoline Noack, Leiterin des BASA-Museums. Das Museum der Professorin für Altamerikanistik in der Oxfordstraße beschäftigt sich ausschließlich mit den beiden letztgenannten Kategorien, mit Dingen des alltäglichen Lebens verschiedener Ureinwohner der amerikanischen Kontinente sowie mit den Relikten von diversen Ausgrabungen.

„Vieles ist über die Jahre eingekauft worden, das können wir auch häufig gut dokumentieren“, sagt sie. „Die Frage ist gerade bei ethnologischen Objekten vielmehr, ob ein Sammler dabei die indigenen Gruppen nicht ausgenutzt oder ob er fragwürdige Kanäle benutzt hat. Das Problem ist, dass es ziemlich zeitintensiv ist, das nachzuverfolgen – und obwohl Bund, Länder und die Wissenschaftsgemeinschaft dies immer wieder fordern, fehlen uns doch die Gelder, um eine systematische Provenienzforschung betreiben zu können.“

Nur im Zusammenhang mit speziellen Forschungsprojekten kann die BASA ihre mehr als 10 000 Exponate entsprechend katalogisieren und ihren Weg bis nach Bonn nachverfolgen. So wie bei der gegenwärtigen Ausstellung bis Ende August über die Wayana aus Französisch-Guayana: „Die 400 bis 500 Objekte, die wir hier präsentieren, haben wir umfassend bearbeitet“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Naomi Rattunde.

„Dabei haben uns auch Vertreter und Vertreterinnen der Wayana unterstützt, die zweimal bei uns zu Gast waren. Einer von ihnen hatte in den 50er Jahren sogar Manfred Rauschert kennengelernt, der die Sammlung zusammengetragen hat, und konnte uns bei dem einen oder anderen Objekt sagen, wer es hergestellt hatte.“

Museums-Team will den Weg der Exponate nachverfolgen

Über 3000 Gegenstände hatte Rauschert aus der Heimat der Wayana und ihrer Nachbarn nach Deutschland gebracht. „Unsere Gäste haben sehr gerne mit den Dingen hantiert, die wir bei uns haben, wollten aber nichts davon zurückhaben und freuten sich vielmehr, dass wir sie bewahren“, so Noack. „Es gibt allerdings einen Teil der Sammlung, die sich in Privatbesitz befindet und an der die Wayana durchaus Interesse haben.“

Doch wie geht ein Museum mit derartigen Anfragen um? „Zunächst einmal sollte klar sein, dass alles, was für eine Gesellschaft eine besondere Bedeutung hat, zurückgegeben werden sollte“, betont Dr. Carla Jaimes Betancourt, die zusammen mit Professorin Noack die BASA leitet.

„Doch mitunter reicht eine Rückgabe alleine nicht aus, denn dann gibt man Verantwortung ab.“ Dabei sind auch andere Formen der Restitution möglich, immerhin ist auch Wissen eine Art Währung. „Die Tacana in Bolivien haben erst kürzlich im Austausch für die Genehmigung einer Straße durch ihr Gebiet ein Buch verlangt: In der Vergangenheit haben deutsche Forscher ihre Mythen aufgeschrieben, die sonst nur mündlich tradiert werden. Die Tacana haben diesen Text nun für mehrere tausend Euro ins Spanische übersetzen lassen, damit sie diese Geschichten auch auf andere Weise bewahren können“, so Jaimes Betancourt.

In anderen Fällen könne man auch eine Replik des begehrten Gegenstandes anfertigen oder neuerdings ein virtuelles 3 D-Modell, wie Noack ausführt. „Wir müssen ja nicht alles physisch besitzen, was uns interessiert“, sagt sie.

„Viel wichtiger ist doch, dass wir mit den indigenen Völkern auf Augenhöhe agieren. Das ist eine Aufgabe, der wir uns in Europa stellen müssen – aber auch in den Herkunftsländern selbst, wo es oft ebenfalls Ungleichgewichte, etwa zwischen Städtern und im ländlichen Raum lebenden Indigenen, gab und gibt.“

In Bonn will man diesen Weg auf jeden Fall weitergehen, soweit es die Mittel zulassen. In einem besonders stark debattierten Fall wird jetzt übrigens eine Rückgabe erfolgen: Ein Bronzehahn, der Ende des 19. Jahrhunderts von britischen Truppen aus dem königlichen Palast in Benin geraubt und 1957 von einem Londoner Antiquitätenhändler für die BASA-Sammlung erworben wurde, wird jetzt nach einer sorgfältigen Prüfung der Provenienz an Nigeria übereignet.

Neuer Studiengang

Die Uni Bonn bietet ab dem Wintersemester 2019/20 im Fach Kunstgeschichte den neuen Masterstudiengang „Provenienzforschung und Geschichte des Sammelns“ an. Provenienzforschung untersucht die Herkunft und (Besitz-)Geschichte von Kulturgütern im jeweiligen historischen Kontext. Eine Bewerbung ist ab sofort und noch bis zum 2. September möglich. Informationen dazu gibt es unter www.khi.uni-bonn.de und bei Dr. Stefan Plasa, Tel. 02 28 / 7 36 05 59 oder plasa@uni-bonn.de