Forschung an der Uni Bonn

Wie ein Kuschelhormon auf Fremdenfeindlichkeit wirkt

Bonner Forscher haben herausgefunden, dass Oxytocin und soziale Normen die Spendenbereitschaft von Menschen steigert. (Archivbild)

Bonner Forscher haben herausgefunden, dass Oxytocin und soziale Normen die Spendenbereitschaft von Menschen steigert. (Archivbild)

Bonn. Forscher des Bonner Uniklinkums haben untersucht, wie das Kuschelhormon Oxytocin und soziale Normen die Spendenbereitschaft gegenüber Flüchtlingen beeinflussen. Die Ergebnisse sind überraschend.

Gibt es eine neurobiologische Erklärung für die Ausprägung von Fremdenfeindlichkeit und Altruismus? Wissenschaftler des Bonner Universitätsklinikums haben mit einer Studie bewiesen, dass das Bindungshormon Oxytocin – auch bekannt als Kuschelhormon – gemeinsam mit sozialen Normen die Spendenbereitschaft bei Menschen, die eher skeptisch gegenüber Migranten eingestellten sind, deutlich erhöht.

„Aus neurobiologischer Sicht sind die Grundlagen von Fremdenfeindlichkeit und Altruismus noch nicht genau verstanden“, erklärt René Hurlemann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Er leitete das Forschungsprojekt, das in Kooperation mit dem Laureate Institute for Brain Research in Tulsa und der Universität Lübeck durchgeführt wurde.

Nachdem die Probanden – ausschließlich Studierende aus Deutschland – mit einem Fragebogen zu ihrer Einstellung gegenüber Flüchtlingen befragt wurden, mussten sie in mehreren Versuchsrunden eine Spendenaufgabe am Computer absolvieren: Dabei haben sie ein Guthaben von 50 Euro in frei wählbaren Einzelsummen zwischen null und einem Euro auf konkrete Spendenanfragen von 50 hilfsbedürftigen Menschen verteilt.

Die Hälfte dieser kam aus Deutschland, die anderen waren Flüchtlinge. Das Geld, das nicht gespendet wurde, durften die Probanden behalten. „Uns überraschte, dass die Teilnehmer des ersten Experiments rund 20 Prozent mehr für Flüchtlinge spendeten als für einheimische Bedürftige“, sagt Nina Marsh aus dem Forschungsteam.

Spenden haben sich verdoppelt

In einer zweiten Runde wurde der Hälfte der Probanden das Bindungshormon Oxytocin verabreicht, die anderen bekamen ein Scheinmedikament. Unter dem Einfluss des Bindungshormons verdoppelten sich die Spenden bei denen, die eine tendenziell positive Einstellung gegenüber Flüchtlingen zeigten. Bei Menschen mit eher abwehrenden Haltung hatte das Hormon keine Wirkung. „Offensichtlich verstärkt Oxytocin die Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen. Fehlt diese altruistische Grundhaltung, vermag die Gabe des Hormons sie nicht von allein zu erzeugen“, folgert Hurlemann.

Außerdem wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob sich sich Menschen mit einer tendenziell fremdenfeindlichen Haltung zu mehr Altruismus motivieren lassen. Nach ihrer Auffassung könnte die Vorgabe von sozialen Normen dabei eine wichtige Rolle spielen. Deshalb zeigten die Forscher den Probanden in einem dritten Durchgang zu jedem Fallbeispiel das durchschnittliche Spendenergebnis im ersten Experiment. Erneut wurde der Hälfte der Teilnehmer das Oxytocin verabreicht und die Spendenaufgabe durchgeführt.

„Jetzt spendeten auch Personen mit einer an sich negativen Grundeinstellung bis zu 74 Prozent mehr für Flüchtlinge als in der vorangegangenen Runde. Die Spenden für Einheimische nahmen hingegen nicht zu“, berichtet Marsh. Die Kombination aus Hormon und sozialer Norm brachte das Spendenaufkommen der Fremdenskeptiker bis auf nahezu 50 Prozent an das der altruistischen Gruppe heran.

Soziale Normen gegen Fremdenhass

Und was bedeutete das nun? „Skepsis gegenüber Migranten könnte mit sozialen Normen begegnet werden“, erklärt Hurlemann. Wenn also vertraute Menschen mit gutem Vorbild vorangingen und ihre positive Einstellung gegenüber Flüchtlingen öffentlich zeigen, würden sich wahrscheinlich auch mehr Personen aus der eher fremdenfeindlichen Gruppe zum Mithelfen motivieren lassen. Das Kuschelhormon Oxytocin könnte dabei Vertrauen stärken und Ängste abmildern – denn bei gemeinsamen Aktivitäten steigt der Oxytocin-Spiegel im Blut.

Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher nun in der amerikanischen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).