Konferenz an der Universität Bonn

Wie die Ernährung von Milliarden Menschen gelingen kann

Reisverarbeitung in Kambodscha: Für die weltweite Lebensmittelversorgung braucht es regionale, individuelle Lösungen, sagen Experten.

Reisverarbeitung in Kambodscha: Für die weltweite Lebensmittelversorgung braucht es regionale, individuelle Lösungen, sagen Experten.

BONN. Eine Konferenz an der Universität Bonn hat klar gemacht: Die tropische Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen, denn Milliarden Menschen müssen in Zukunft ernährt werden. Die Frage ist: wie?

Zehn Milliarden Menschen sollen 2050 die Erde bewohnen. Zehn Milliarden, die irgendwie ernährt werden wollen, die Vitamine ebenso brauchen wie Kohlenhydrate, Eiweiße und Mineral-stoffe. Insbesondere in Zentralasien und Afrika wächst die Bevölkerung rasant, und so ist es nur konsequent, dass Agrarwissenschaftler und Entwicklungsforscher gerade in diesen Regionen nach Möglichkeiten suchen, um die landwirtschaftlichen Erträge zu steigern, Ressourcen zu schützen und mit langfristigen, nachhaltigen Strategien versuchen, die Versorgung sicherzustellen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn nicht jede Maßnahme lässt sich in den oft ärmlichen Gebieten umsetzen.

„Gehen Sie mal ins Hochland von Kambodscha und bieten Sie den dortigen Bauern eine der modernen Reissorten an, die wir gezüchtet haben und die besonders ertragreich sind“, sagt Professor Matthias Becker vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn. „Die würden Sie auslachen. Dort zieht man seit Jahrhunderten roten und schwarzen Reis, der auch für Feste und Zeremonien benötigt wird – den werden die Landwirte nicht einfach austauschen, nur weil neuere Sorten aus wissenschaftlicher Sicht vielleicht besser sein mögen.“

Um dieses und andere Probleme zu diskutieren, hatte Becker zusammen mit Professor Christian Borgemeister vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) an der Universität Bonn die Organisation des diesjährigen Tropentags übernommen. Fast 1000 Wissenschaftler aus 68 Ländern haben sich in der vergangenen Woche mit den zahlreichen Herausforderungen beschäftigt, die schon ohne den Klimawandel immens wären, wie Borgemeister betont.

Die Erträge müssen steigen

„Es ist klar, dass ein Umdenken stattfinden muss. Allerdings spielen so viele verschiedene Aspekte eine Rolle: kulturelle, sozio-ökonomische, ökologische, wirtschaftliche und bildungspolitische Belange, die alle miteinander verzahnt sind. Um so wichtiger ist eine Konferenz wie diese, bei der Wissenschaftler sich austauschen und Probleme von mehreren Seiten beleuchten können.“

Klar ist, dass die Erträge steigen müssen, um der wachsenden Weltbevölkerung Rechnung zu tragen. Wie dies allerdings zu erreichen ist, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. „Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze“, erklärt Becker. „Zum einen kann man versuchen, die bereits ertragreichen Areale besser zu nutzen und den Anbau dort zu intensivieren, zum anderen kann man ressourcenschonende Techniken einsetzen, um in die Breite zu gehen.“

Ersteres dürfte demnach vor allem der industriellen Landwirtschaft helfen, die große Gebiete bewirtschaftet, Letzteres den Kleinbauern. „Tatsächlich gibt es immer wieder Kritik, dass viele Technologien nur den Großbauern helfen“, gesteht Becker. „Die meisten können große Maschinen gar nicht bezahlen, schon gar nicht in den Entwicklungsländern. Insofern obliegt es der staatlich geförderten Wissenschaft, Maßnahmen für die Kleinbauern zu erforschen.“

„Doch auch so können wir nicht einfach alles umstellen“, fügt Borgemeister hinzu. „In Afrika sind 80 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig. Wenn wir da jetzt mit automatisiertem Gerät kommen, verlieren die ihre Jobs. Wovon sollen die dann leben?“

"Wenn es keiner essen will, bringt der Anbau nichts"

Eine allgemeingültige Lösung wird es wahrscheinlich ohnehin nicht geben. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle, zu groß sind die regionalen Unterschiede. „Es bringt ja auch nichts, Menschen etwas anbauen zu lassen, was ihnen nicht schmeckt“, erklärt Till Ludwig vom ZEF, der sich mit Ernährungspräferenzen in Indien auseinandersetzt.

„Gerade Kleinbauern leben ja auch von dem, was sie wachsen lassen. Wenn wir rein wissenschaftlich vorgehen würden, müsste jeder von ihnen Baobabs züchten, weil deren Früchte reich an Vitamin C, Calcium, Eisen und Ballaststoffen sind. Aber wenn das keiner essen will, bringt der Anbau nichts.“ Dann also doch lieber roter und schwarzer Reis auf den Feldern.

„Wir müssen eben für jede Nische den richtigen Ansatz finden“, sagt Becker. Schon an sich ein überwältigendes Unterfangen, zumal die Veränderungen in der Landwirtschaft sich über Gene-rationen ziehen dürften. „Wir suchen ja nach einem Goldenen Weg für jeden“, sagt auch Baumeister. „Wenn nur die demografische Zeitbombe nicht so laut ticken würde.“